ViLE-Webinar: Görlitz – Dramatik hinter schönen Fassaden

Im Rahmen des ViLE-Webinarssind wir im Gespräch mit Frank Seibel über die tief greifenden Veränderungen in Gölitz über die letzten Jahrzehnte und die schönen Teile des sogenannten „Strukturwandels“. Herr Seibel leitete zehn Jahre lang die Görlitzer Redaktion der Sächsischen Zeitung und arbeitete weitere zehn Jahre als Reporter in der Lausitz. Seit zwei Jahren leitet der gebürtige Hesse das Bildungshaus des katholischen Bistums Görlitz, das Sankt-Wenzeslaus-Stift in Jauernick. ViLE plant gemeinsam mit dem Bildungsheus eine Begegnungsreise nach Görlitz. Eingeladen sind alle Interessierten, unabhängig, ob sie sich an der Begegnungsreise beteiligen wollen. 

Äußerlich wirkt Görlitz bisweilen, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ein altes Haus neben dem anderen, die neuesten sind in der Innenstadt 100 Jahre alt, die ältesten 700. Rund 4000 denkmalgeschützte Gebäude, die von 950 Jahren Stadtgeschichte erzählen. Nur die Dramatik des 20. Jahrhunderts bleibt hinter pittoresken Fassaden beinahe verborgen.

Dabei hat Görlitz extrem bewegte Jahrzehnte hinter sich. Wenn es heißt, die Stadt habe den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet überstanden, trifft das zwar auf die Bausubstanz zu. Doch 1945 wurde Görlitz zur Grenzstadt, zur östlichsten Stadt Deutschlands – und zu einer geteilten Stadt. Die Neiße ist ein schmaler Fluss, der nach Kriegsende zur Grenze zwischen Polen und Deutschland wurde. Die Corona-Pandemie erinnerte vor einem Jahr schmerzlich daran, was die Teilung der Stadt jahrzehntelang bedeutet hatte. Als die Nachbarn die Grenze für mehrere Wochen schlossen, war es wieder da, das Gefühl, am Ende einer Sackgasse zu leben.

Görlitz zählte im Mittelalter zu den großen  Städten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Und zu den reichsten. Dieser Reichtum stellte sich in einer zweiten Blütephase   an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch einmal ein. Eisenbahnzüge und Dampfturbinen werden seitdem in Görlitz gebaut. Fotografie und Feinoptik hatten bedeutende Werke hier, hinzu kamen Textilfabriken und seit den 1920 Jahren der Braunkohle-Tagebau. Görlitz war eine stolze, reiche Bürgerstadt.

Dramatische Wendepunkte veränderten die Stadtgesellschaft jedoch tief greifend. Mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 endete faktisch das jüdische Leben in der Stadt. Bis dahin waren die rund 900 jüdischen Mitbürger wichtige Akteure und Mitgestalter des städtischen Lebens.

Mit Kriegsende wurde die Stadt nicht nur geteilt; sie wurde auch zum Zufluchtsort für zigtausende Vertriebener aus Schlesien.

 Am 17. Juni 1953 dann war Görlitz einer der Hauptorte, an denen der Widerstand gegen die Mangelversorgung unter der SED-Diktatur kulminierte. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Volksaufstands begann ein Exodus an gut ausgebildeten Menschen, die in der DDR keine Zukunft mehr für sich sahen.

Im Herbst 1989 zählten die Görlitzerinnen und Görlitzer wiederum zu den widerständigsten Bürgern in der DDR. Die friedliche Revolution war hier besonders intensiv – denn die Stadt drohte in weiten Teilen zu verfallen. Dementsprechend groß waren die Hoffnungen, die sich mit dem Systemwechsel und der Wiedervereinigung verknüpften. Doch die Einführung der Marktwirtschaft brachte zunächst einen wirtschaftlichen Flächenbrand mit sich. Viele  Industriebetriebe wurden zerschlagen und abgewickelt, viele tausend Menschen verloren ihre Arbeit.  Die Bevölkerung schrumpfte von 80.000 auf zunächst 65.000 Menschen. Heute sind es rund 57.000.

Erst mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts taten sich neue Chancen auf. Polen und Tschechien sind im Mai 2004 der EU beigetreten. So verlor die Grenze an Bedeutung, der Handlungsradius wurde größer.

Die Filmwirtschaft entdeckte „Görliwood“, Callcenter siedelten sich an, weil die Menschen hier nicht sächseln. Mittlerweile nehmen Forschungsinstitute an der Neiße ihre Arbeit auf, und es riecht nach Zukunft. Beginnt nun der gute Teil des „Strukturwandels“?

Hier noch ein aktueller Beitrag aus der Zeitung Die Welt zu Görlitz:
https://www.welt.de/reise/staedtereisen/article227949481/Sachsen-Ist-man-in-Goerlitz-nur-Statist-in-einer-Kulisse.html?cid=socialmedia.email.sharebutton

An der Veranstaltung kann durch Beitreten zu einem virtuellen Veranstaltungsraum teilgenommen werden. Die Zugangsdaten können wir aus Sicherheitsgründen nicht mehr auf der Webseite bekannt geben. Den Zugang zum Videokonferenzraum erhalten Sie über die E-Mail <info@vile-netzwerk.de>.

Ort: Zoom-Meeting

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