Ulm - der Willy-Brandt-Platz

Europäische Geschichte am Beispiel eines Platzes.

Da der Willy-Brandt-Platz auf den ersten Blick ein eher hässlicher Nebenschauplatz in Ulm zu sein scheint, war seine Geschichte im Gegensatz zum Münsterplatz bisher noch nicht dokumentiert - eine Chance mehr für die beteiligten Senior-Studierenden* Pionierarbeit für die Dokumentation der Stadtgeschichte Ulms zu leisten.

Diese Ecke der Oststadt war schon immer ein neuralgischer Verkehrsknotenpunkt in Ulm und hinter seiner eher nüchternen Fassade verbergen sich interessante Facetten der Stadt- und Architekturgeschichte, der Stadtplanung und des urbanen Lebens.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es starke und einschneidende Veränderungen in der Auffassung über die Ästhetik und Funktion von Architektur und Städtebau. Zum ersten Mal wurde der Versuch unternommen, die Architektur des technischen Zeitalters zu gestalten. Klare Gliederung nach Funktionen und große Bauten sollten der Stadt eine neue Struktur geben. Das Ulmer Arbeitsamt wurde in den Zwanzigerjahren an diesem Platz erbaut. Mit dem modernen Bau trug man in Ulm der gesetzlichen Neuerung der staatlichen Arbeitsvermittlung Rechnung.

Wie kam es zu den unterschiedlichen Namen für diesen Platz? Der hier untersuchte Bereich war zunächst namenslos und wurde erstmals im Dritten Reich zum Platz ernannt: Danziger Freiheit. Auf dem neu benannten Platz wurde eine Brunnen-Stele mit Hakenkreuz und Adler aufgestellt. Im April 1945 verschwand der Name Danziger Freiheit. Die Straßenkreuzung wurde 1956 in Berliner Platz umbenannt, zum Zeichen der Verbundenheit mit der früheren Reichshauptstadt. Ein weiterer Grund könnte der Zuzug vieler Berliner gewesen sein, die bei Telefunken arbeiteten. Die Firma Telefunken verlegte ihren Sitz nach dem Krieg von Berlin nach Ulm. Um die Wohnqualität in der Oststadt zu heben, wurde 1972 am Berliner Platz eine Fußgängerunterführung gebaut und Fundamente für einen Kiosk gesetzt. Der Stadtrat beschloss mit Mehrheit, dass der Berliner Platz am 26.01.1993 in den Willy-Brandt-Platz umbenannt wird. Die Umbenennung löst eine lebhafte Diskussion der Presse aus, von Berliner Platz ist „hoimeliger“ bis Willy Brandt Platz „klingt besser“. Die Kosten für die Umbenennung bewegen sich im fünfstelligen Bereich, z. B. für Umschilderung umd Umrüstung der PC-Anlagen.

Die einzelnen Teilnehmer des ZAWiW haben Interviews mit am Willy-Brandt-Platz ansässigen Geschäftsleuten geführt. Die Mieter des Kiosks erzählten, dass vor allem Schulkinder ihre Kunden waren und sie riesige Mengen Süßigkeiten verkauften und sie kaum glauben konnten, was die Kinder am Kiosk alles liegen ließen: Schulranzen, Turnbeutel und Geldbeutel. Nachts wurde häufig in den Kiosk eingebrochen. „Nach dem zwanzigsten Einbruch haben wir aufgehört zu zählen“, sagte die Kioskbesitzerin. Auch im Café Einstein haben sich die Teilnehmer umgehört. Das Café war gut besucht, aber die Parkplatzsituation war katastrophal.

Die Erwartungen der Teilnehmer an das Projekt hatten sich erfüllt, ja sie wurden sogar übertroffen. Zuerst wurden zwanzig Tafeln an der Universität Ulm an dem Eingang zur Mensa aufgehängt. Auf diesen Tafeln war die Entwicklung des Platzes dokumentiert. Eine weitere Ausstellung der Tafeln fand im Ulmer Stadthaus statt, anschließend in der Valckenburgschule, die in der Nähe des Willy-Brandt-Platzes liegt. Teilnehmer der Arbeitsgruppe erklärten den Besuchern die Tafeln.

Das Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung reichte die Broschüre zur Ausstellung bei einem Wettbewerb im Familienministerium ein und gewann im Jahr 1996 den zweiten Preis und erhielt 4 .000 DM, die für weitere Projekte Verwendung fanden.

 Heute, zwanzig Jahre später, ist der Kiosk abgerissen und das Café Einstein ist in die Nachbarschaft umgezogen. Auf dem Willy-Brandt-Platz befindet sich seit einigen Jahren eine Stahlgruppe, eine Kuhherde mit einem Ochsen. „Auf der Alm gibt`s keine Sünd“, scheint die Gruppe zu sagen.

Foto: Barbara H.. Willy-Brandt-PLatz.

 Agathe W. Mai 2017

*Info zu den Seniorstudierenden:
Aus dem  ZAWiW, dem Zentrum für allgemeine wissenschaftliche Weiterbildung an der Universität Ulm ist im Oktober 1995 eine Projektgruppe von „Forschendes Lernen“ hervorgegangen, die unter dem Motto „Europäische Geschichte“ in Ulm am Beispiel eines Platzes Funktion und Wandel des Willy-Brandt-Platzes erforschte. Das Projekt wurde von der Kulturwissenschaftlerin Dr. Eva Saalfrank betreut. Zu Teambesprechungen traf sich der Arbeitskreis mindestens einmal im Monat im Café Einstein, das damals am Willy-Brandt-Platz lag. Publikation: „Willy-Brandt-Platz. Von den Bleichwiesen zum städtischen Knotenpunkt. Europäische Geschichte in Ulm am Beispiel eines Platzes“. Broschüre zur Ausstellung der EUROPA-Projektgruppe am ZAWiW „AK Willy-Brandt-Platz“, ZAWiW, Uni Ulm, 1993

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