Sulzbach – ach ja, Sulzbach ……

In Sulzbach – in einem der vielen, vielen Sulzbachs, die es gibt, im saarländischen Sulzbach, dort, wo das Leben lange Zeit völlig vom Kohlebergbau bestimmt wurde – da bin ich geboren, groß geworden und dort hatte ich eine glückliche Kindheit. Und so ist dies eine Schilderung aus sehr persönlicher Sicht mit einer sehr persönlichen Auswahl von Fakten und Erinnerungen.

Erst einmal war Sulzbach eingeteilt ins 'Ewwa- (=Ober-)dorf' und 's 'Unnadorf'. Das Ewwadorf, das war der Teil am Hang, dort wo auch die Grubenanlage war, das Unnadorf, das war vor allem die Hauptstraße.

Auf der Straße pulsierte der Verkehr - ja, Autos gab es damals in den 40-50-60 Jahren, von denen ich zunächst rede, auch schon … aber der Hauptlärm in der Straße stammte von den Straßenbahnen, die im Zehnminutentakt über die Schienen ratterten, rumpelten, quietschten und klingelten.

Gesäumt war die Straße von 3-4 geschossigen Häusern aus der Gründerzeit. Häuser mit schönen Stuck verzierten Giebeln und hohen Fenstern und wo sich unten im Erdgeschoss meistens schöne Geschäfte befanden: Kleidergeschäfte mit eleganten Auslagen (in diese Geschäfte kamen wir Kinder eher selten, wir bezogen unsere Kleider in der Regel von älteren Geschwistern, Verwandten und Bekannten … ), Delikatessengeschäfte (dort gab es sogar 'Schneckenbrot' – igitt, wie ich mich davor ekelte und mich weigerte, auch nur etwas davon zu probieren, bis ich viele Jahre später erfuhr, dass es sich um schlichtes schwedisches Knäckebrot gehandelt hatte … ), Juweliere mit teuren Uhren und funkelndem Schmuck, der einer Prinzessin wohl angestanden hätte, Schuhgeschäfte mit großen Elefanten und lustigen Salamandern, in denen auch wir Kinder freundlich bedient wurden und wo wir unsere Füße in Kisten stellen durften, in denen alle unsere kleinen Fußknochen sichtbar wurden – was für ein faszinierendes Wunder!!! Aber schließlich sollten die Schuhe ja passen, lange passen, denn neue Schuhe waren teuer….

Manchmal zog ein Leichenzug durch die Straße, dann läuteten die Glocken, der Verkehr kam schier zum Erliegen, die Menschen blieben am Bürgersteig stehen, wurden still, falteten die Hände und die Männer zogen ihre Hut, den sie damals noch trugen.

Diese Stadt, die erst im Jahre 1946 nach langen Kämpfen die Stadtwürde erlangte (was dem langen Ringen entsprechend viel Pomp gefeiert mit wurde), besaß außerdem auch ein stattliches Theater, zwei Kinos und ein großes Gymnasium (das allerdings ausschließlich den Knaben vorbehalten war…).

Auf den beiden Marktplätzen rechts und links von der Hauptstraße fand wöchentlich ein großer Markt statt und jährlich zur 'Kerb' kamen alle Mitglieder der weitverzweigten Familien angereist, auf den Straßen und Märkten gab es kein Durchkommen, die Karussells und Schießbuden waren umlagert von Klein und Groß, überall waberte der Duft von Bratwurst und Zuckerwatte und Popcorn. Welch ein Paradies!!! Nur einmal wurde ich in diesem bunten Treiben jäh aus meiner Verzückung gerissen: Ich hatte einen großen, leuchtend roten Luftballon bekommen und in diesem dichten Gedränge kam ein Mann mit seiner Zigarette an den Ballon und mit einem Knall, der mich zu Eis erstarren ließ, zerplatzte mein rotes, rundes Glück!!!!!

Zwischen dem Unna – und dem Owwadorf zog die Bahnlinie hindurch. Ständig fuhren endlos lange Güterzüge über die Brücke, beladen vor allem mit Kohle, Koks und Erz. Und wir standen unten mit hochgereckten Köpfen und zählten hingerissen die Waggons: 50 – 70 – 100???? Wer hatte den längsten Zug gesehen??? War das aufregend!! Und der Bahnhof: So viele Schalter, Kioske, Eingangssperren, an denen wir unsere Besuche abholten und wo man uns festhielt, uns ausschimpfte, wenn wir am ersten eines Monats mal wieder keine neue Fahrkarte hatten ….

Eine ganz andere Welt hingegen die Grube am Hang! Dort gab es einen hohen Förderturm, mit seinem netzartigen Stahlgerüst einem kleinen Eiffelturm ähnlich, hohe Backsteintürme, ein langes, langes, eisernes Tor, hinter dem Männer mit vom Ruß geschwärzten Gesichtern und Kleidern herumliefen und die riesigen Maschinenhallen, durch dessen Fenster, die höchstens einmal vom Regen gewaschen wurden, die mächtigen, fast furchteinflößenden, gewalttätigen Maschinen zu bestaunen waren!! Da drehten sich unter ohrenbetäubendem Lärm mächtige Zahnräder in – und miteinander, ungeheuerliche Kolben stampften auf und ab und überall zogen breite Bänder, die die einzelnen Teile miteinander verbanden. Stundenlang konnte man davor stehen und einfach nur fasziniert zuschauen!!

Eine Begleiterscheinung der Grube war der allgegenwärtige Ruß!!! Nichts konnte man anfassen, ohne sofort schwarze Finger zu bekommen!! Wenn man sich die Nase schneuzen musste, war das Taschentuch schwarz – und wenn meine Mutter in der Weihnachtszeit im Garten Zweige schnitt, legte sie sie zuerst in die Badewanne und wusch sie dreimal in Seifenbrühe, damit man sah, dass sie wirklich grün waren und nicht auch schwarz ….

Wer heute durch Sulzbachs Straßen wandert, wird wenig wiedererkennen:

Von der Grube steht fast nichts mehr: keine Türme, keine Hallen, keine Sirenen bei Schichtwechsel, keine schwarzen Männer mehr und kein Lärm, stattdessen Büroräume und große Supermärkte, die den Läden in der Stadtmitte das Leben aussaugten. Die prächtige Hauptstraße??? Die Straßenbahn fährt schon lange nicht mehr, stattdessen hin und wieder ein leiser Bus. Entlang der einst so noblen Hauptstraße reihen sich Billigläden, leere Schaufenster, provisorisch mit Plakaten und Papier zugeklebt, ab und an ein Schnellimbiss. Sauberer wurden die Straßen auch nicht: Der rußige Belag, der früher alles bedeckte, fehlt zwar, stattdessen liegen überall Papierchen, Zigarettenkippen und Kaugummireste…

Am Bahnhof steigen nur noch wenige Menschen ein uns aus, Schalter und Kioske gibt es schon lange nicht mehr, die Eingangshalle ist verwahrlost. Das Theater wurde abgerissen und wurde zu einem Parkplatz, die Kinos wurden geschlossen.

'Die Kerb' heute besteht nur noch aus einigen, wenigen Ständen, deren Betreiber müde und etwas gelangweilt nach Besuchern Ausschau halten. Die Wagen sind leer und die Musik dudelt meist ungehört über die beiden Plätze.

Diese 'frühen Jahre': Alles nostalgische Verklärung einer Vergangenheit, die es so nie gab??? Und andrerseits die übliche Miesmacherei der Gegenwart? Nein, das glaube ich nicht. Zwischen dem Früher und dem Jetzt dieser Stadt liegen Welten! Es geht uns gut, heute in Deutschland – aber nicht überall ist der Zug des Immer-Größer Schöner-Besser angekommen und mir scheint, Sulzbach liegt nicht auf seiner Strecke….

Nach diesem Bericht ist mein Herz schwer – warum ich ihn überhaupt geschrieben habe?? Um nicht zu vergessen - und mit der Hoffnung, dass ihn niemand aus Sulzbach lesen wird …. ;-)))
Ute - 10.10.2017

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