Horst Westphal: ViLE e.V.

Die ViLE-Idee entstand im Sommer 2002 auf einer Seminartagung des ZAWiW der Universität Ulm und der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg in Bad Urach mit dem Ziel, das Internet als Medium zum Lernen, zum Erfahrungsaustausch und zur Zusammenarbeit zu nutzen.

Der Verein wurde dann im Dezember 2002 gegründet. Er hat sich die Aufgabe gestellt, die neuen Medien zu nutzen, um einer sozialen Gemeinschaft älterer Erwachsener die Gelegenheit zu geben, an der gesellschaftlichen Entwicklung
teilzuhaben. Aktiven und bildungsinteressierten Senioren und Seniorinnen aus ganz Deutschland wird nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben ein Forum des Austauschs und der kreativen Weiterentwicklung geboten. ViLE soll auch einer Vereinsamung im Alter entgegen wirken und bietet einen virtuellen Austausch als Kompensation bei einschränkenden Altersbehinderungen.

Die Mitglieder leben in den verschiedensten Gegenden Deutschlands, von Nord bis Süd und West bis Ost. Sie haben ganz unterschiedliche Berufs- und Lebenshintergründe. Das Internet verbindet alle miteinander. Die realen Begegnungen und Seminare haben zu vielen neuen Freundschaften geführt. ViLE ist darauf ausgerichtet, Neues zu entdecken und auszuprobieren, sei es individuell oder für dazu entstehende Gruppen.

Im Zentrum der Aktivitäten unseres Vereins steht die internetbasierte Kommunikation, Kooperation und Projektarbeit der Mitglieder, die in den meisten Fällen über die Website öffentlich verläuft und zu der interessierte Menschen jeden Alters zur Mitarbeit eingeladen sind. Im ViLE-Netzwerk entstehen dadurch neue Lernformen, auch in Zusammenarbeit von Jung und Alt. Die kreative Leistung unseres Vereins sehen wir auf folgenden Ebenen:

  • Ideenentwicklung und Erprobung neuer internetbasierter Lernmethoden im Sinne des selbstgesteuerten Lernens (Virtuelle Lerngruppen, Lernkurse, Arbeit als Lernpaten, Diskussionsforen im Netz,
  • Auseinandersetzung mit Themen von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung gesellschaftlicher Bedeutung (z.B. Klimawandel, Wahlbeobachtung, Unsere europäischen Nachbarn),
  • Nutzung von technischen Anwendungen im Netz (Mailinglisten, Suchmaschinen, Lernplattformen (moodle und bscw), Bildtelefonie (Skype) und Videoconferencing),
  • neue Formen des bürgerlichen Engagements,
  • Vermittlung gemeinsamer künstlerischer und literarischer Erlebnisse,
  • reale Treffen der Mitglieder bei verschiedenen Anlässen als Ergänzung zur virtuellen Zusammenarbeit. Auf regionaler und lokaler Ebene bestehen Arbeitsgruppen, die regelmäßig zum Meinungsaustausch zusammen kommen.

Dazu kommen überregionale Seminare zu ausgewählten Themen und Forschendes Reisen, immer verbunden mit dem Kennenlernen von Kultur und Geschichte des Landes und Kontakten zu einheimischen Seniorenvereinigungen.

Auch die vom Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm entwickelte Internet-Zeitung „Lerncafe“ wird seit dem Auslaufen der öffentlichen Förderung von ViLE herausgegeben. Eine Reihe ihrer Mitglieder hat sich zu Online-Redakteuren ausbilden lassen, um sich für die Mitarbeit zu qualifizieren. Näher soll darauf nicht eingegangen werden, da dieser Arbeitskreis beschlossen hat, für sein Projekt eine eigene Bewerbung um den Mühlschlegel-Preis einzureichen.

www.vile-netzwerk.de

Diese Adresse ist das virtuelle Zentrum des Vereins. Hier finden die Mitglieder alle Informationen über die Aktivitäten, Projekte und Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen. Dabei dient das Internet als Plattform für Recherche, Kommunikation und Kooperation zu selbst gewählten Themen, die von den Mitgliedern aus den verschiedensten Ecken Deutschlands in unterschiedlichen, meist zeitbegrenzten Lerngruppen behandelt und diskutiert werden.

Einige ViLE – Aktivitäten kurz aufgezeigt:

„Gemeinsam lesen“: Nach eigenen Vorschlägen werden wichtige Werke deutscher und ausländischer Autoren gemeinsam gelesen, besprochen und im Internetforum diskutiert. Namen, die für das Niveau stehen: Jonathan Franzen (Die Korrekturen), Dieter Schlesak (Transsylvanische Reise), Arno Geiger (Es geht uns gut), Albrecht Müller (Machtwahn), Thomas Brussig (Am kürzeren Ende der Sonnenallee), Erich Loest (Nikolaikirche), Sabine Bode (Die vergessene Generation), Orhan Pamuk (Die weiße Festung), Elfriede Jelinek (Neid), Ulla Hahn (Das vergessene Wort). Der junge Autor John von Düffel (Vom Wasser, Hotel Angst), gleichzeitig Dramaturg, empfing die ViLE-Regionalgruppe Nord zu einem Gespräch über seine Werke im Hamburger Thalia-Theater.

Das „Kulturtablett“ vermittelt seit 2007 Tipps aus dem kulturellen Bereich und organisiert gemeinsame Museums- und Ausstellungsbesuche. ViLE-Süd.organisierte bereits neun Projekttage mit Ausstellungs- und Museumsbesuchen, zwei davon mit inhaltlicher virtueller Begleitung. ViLE-Nord besuchte die Kunst-Avantgarde in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg. Neueste Angebote sind im letzten Quartal des Jahres 2009 Besuch der großen Landesausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ in Stuttgart, die die ältesten Kunstwerke der Menschheit zeigt. Verbunden wird sie mit einer Exkursion zu den Höhlen des Lonetals und einem begleitenden virtuellen Kurs sowie die Schätze des Alten Syrien - Die Entdeckung des Königreichs Qatna - im Württembergischen Landesmuseum.

Europäische Projekte
ViLE fördert die Idee der Europäischen Union durch viele Aktivitäten und durch Begegnungen mit Senioren und Seniorinnen aus den anderen EU-Ländern. Der Austausch der Gruppen findet untereinander, über Grenzen hinweg, virtuell statt. Da die Projekte eine starke inhaltliche Komponente haben und das Internet als Vehikel benutzt wird, führt das in allen Ländergruppen dazu, dass die beteiligten Senioren und Seniorinnen, die dieser Technik distanziert gegenüber standen, sich intensiver mit diesem Kommunikationsmittel befassen. Interessant ist die Beteiligung von ViLE an dem europäische Projekt „Open Doors for Europe – ODE“, an dem Seniorengruppen aus Polen, Italien und Spanien teilnehmen.

Zur Zeit ist ViLE Partner in der europäischen Lernpartnerschaft SENIOR, die Seniorengruppen aus Polen, Finnland, Slowenien und Spanien zur Zusammenarbeit über das Netz veranlasst, kombiniert mit zwei Treffen jährlich in den Partnerländern. . Nach vorangegangenen Treffen in Starbienino (bei Danzig) und Kranjska Gora (Slowenien) fand ein Treffen vom 6. bis 9. Oktober in Ulm statt. ViLE-Mitglieder engagieren sich auch an der europäischen Lernpartnerschaft
„Danube-Networkers“. Dabei sind kreative Texte und Videoclips (Interviews) entstanden, z. B. über den Friedhof der Namenlosen in Wien (www.danubenetworkers.eu).
An dem Projekt „Possible Europe – Europa erleben“ beteiligen sich ViLE-Mitglieder mit biographischen Beiträgen (www.europa-erleben.eu). Weiterhin gibt es eine Beteiligung an dem EU-Projekt „Freiwilligendienst im Ausland“.

Die Lübecker ViLE-Gruppe bearbeitet zusammen mit Vereinsmitgliedern aus Süddeutschland das Projekt „Ein Blick auf unsere Nachbarn“, das die Länder rund um die Bundesrepublik mit Deutschland vergleicht, um das Wissen über unsere Nachbarn zu bereichern. Untersucht wurden bisher die Staatsformen und Wahlsysteme, die Gesundheits- und Rentensysteme, die Arbeitslosenhilfen, die Jugendkriminalität, die Kultur und das landestypische Essen und Trinken.
Im November beginnt ein ViLE-Online-Lernkurs „Sich Europa erschließen“. Politische Projekte Eine Reihe von ViLE-Projekten beschäftigte sich mit politischen Themen. Es gab Wahlbeobachtungen von EU- und Bundestagswahlen, kritische Untersuchungen von Wahlversprechen und von Wahlplakat-Aussagen. Bekannte Politiker wurden befragt und die Antworten veröffentlicht. Gleichzeitig fand im Forum der Internetseiten des Vereins dazu eine Diskussion statt. Ein weiteres Projekt hieß „Neue Weltordnung oder zurück ins Mittelalter?“ Anlass war nach der Wahl von George W. Bush der Hegemonieanspruch der USA.
Eines der umfangreichsten Projekte hieß „Koalitionsvertrag und Tagespolitik“, das nach der Bildung der Koalition aus Union und SPD gestartet wurde. Dabei durchforsteten die Beteiligten den gesamten Wortlaut des umfangreichen Koalitionsvertrags. Diesem folgte vor der Bundestagswahl 2009 das Projekt „Lohnt sich der Gang zur Wahlurne“, der wiederum eine umfangreiche virtuelle Diskussion auslöste.
Weitere internetbasierte Projekte behandeln die Themen Werte im Wandel, Klimawandel. Einige werden von einzelnen Mitgliedern initiiert und selbstverantwortlich durchgeführt, z. B. die Projekte Spurensuche – jüdische Friedhöfe in Deutschland, und Frauengeschichte.

Kursangebote
Im Rahmen unserer Kursangebote stellen besonders kompetente Mitglieder ihr Wissen den Teilnehmern zur Verfügung, seien es Computertechnik, Textbearbeitung Internet-know-how oder digitale Bildbearbeitung.

Forschendes Reisen
Die Reisen sollen den ViLE-Mitgliedern Gelegenheit geben, sich näher kennen zu lernen und gemeinsamen Interessen nachzugehen. So wurden bereits mehrere Reise nach Sardinien organisiert. Im Zentrum stand dabei die Entdeckung von Land und Leuten, Schaffung von Freundschaften und gemeinsamem Erkunden von Natur, Kultur und Alltagsleben. Ein besonderer Höhepunkt waren die Treffen mit den Seniorstudierenden aus Macomer. Aber auch in Deutschland gibt es viele Reiseaktivitäten der ViLE-Gruppen, wie z.B. Fahrten nach Ostdeutschland und Nordfriesland, eine Radtour am Bodensee, der Besuch des Tagebuchmuseums in Emmendingen oder Besuche der regionalen ViLE-Gruppen untereinander.
Das Konzept des Forschenden Reisens enthält den Auftrag an die Teilnehmer sich auf Fragen der Geographie, Kultur, Wirtschaft und Ökologie vorzubereiten. Nach der Reise erstellt ein Mitglied eine Website, in der die von verschiedenen Mitreisenden verfassten Berichte veröffentlicht werden. Diese Berichte sind nicht nur den Vereinsmitgliedern, sondern allgemein zugänglich.

Seminare
Für seine Mitglieder, aber auch für Teilnehmer aus anderen Senioren-Vereinigungen, veranstaltet ViLE e.V. eine ganze Reihe von Seminaren, zum Teil in Kooperation mit anderen Institutionen. In jedem Jahr gibt es ein einwöchiges Seminar mit Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Haus auf der Alb in Bad Urach. Themen waren in den letzten Jahren z. B. „Gemeinsam neue Lernwege gehen“, „Wissenschaftsmanagement und soziales Internet“, „Afrika – Annäherung an einen Kontinent“ und "Heimat Europa - Migration, Kulturelle Identität, Transkulturelle Kompetenz".
Weitere Beispiele: Zum Thema "Nachhaltigkeit" wurde gemeinsam mit der ASKO Europa-Stiftung ein Seminar in der Europäischen Akademie Otzenhausen (Saarland) veranstaltet. Im Bildungs- und Tagungszentrum Ostheide in Barendorf ging es für unsere Mitglieder um „Lebendige Demokratie“. In Ulm gab es ein internationales Seminar „Ausbildung zu Managern für virtuelles Lernen“.

Neue Medien
Damit die Mitglieder mit dem hohen Tempo der technischen Entwicklung bei den neuen Medien Schritt halten und sie kreativ nutzen können, bietet ViLE regelmäßig virtuelle Kurse an. Während es anfangs noch darum ging, die Senioren und Seniorinnen im Umgang mit dem PC zu schulen, liegt das Schwergewicht inzwischen mehr auf Themen, wie Sich Europa mit dem Internet erschließen, Technik des virtuellen Lernens, Datenverwaltung, Bildbearbeitung und ähnlichen Aufgaben.

Bei einem Seminar wurden die Teilnehmer z. B. unter Anleitung eines Rundfunkredakteurs mit der Gestaltung und Aufnahme eines Hörspiels und der Herstellung eines Videofilms vertraut gemacht. Sie arbeiteten unter dem Titel "Altersbilder - einmal anders! Wir erstellen unser eigenes Drehbuch und setzen es um“ in mehreren Gruppen. Entstanden sind verschiedene Produkte, wie z.B. Tonund Bilddokumente, ein Videoclip etc., anzuschauen im Internet auf der ViLEWebsite.

Schlussbemerkung
ViLE = Virtuelles und reales Lern- und Kompetenz-Netzwerk älterer Erwachsener. Wir wissen, dass es ein schwer handhabbarer Name ist und überlegen schon lange, ob wir den in der Euphorie der Gründungsphase entstandenen Vereinsnamen nicht vereinfachen sollten. Ohne fachliche Anleitung und einen entsprechenden finanziellen Aufwand – haben wir noch keine treffende Bezeichnung gefunden, die uns von den vielen Seniorenvereinen, die mehr konsumorientierte Ziele haben, unterscheidet.

Positiv ist das Engagement der ViLE-Mitglieder, das Internet kreativ mit anderen zu erproben und zur Zusammenarbeit zu nutzen, vor allem auch, weil es viele Interessen abdeckt und geistig frisch hält.

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