Hildegard Neufeld: Mein Weg zur Senioren-Online-Redakteurin

Mein Weg zur Senior-Online-Redakteurin

Mein ganzes Berufsleben lang habe ich mich als Redakteurin einer Wirtschaftsfachzeitschrift mit Medien beschäftigt, und als ich in den Ruhestand wechselte, veränderte sich dies kaum. Allerdings bestimmten fortan PC und Internet die Erstellung und Veröffentlichung meiner Manuskripte, und ich beschloss, Online-Redakteurin zu werden.

Wegbeschreibung
Mein Weg von den Printmedien zu den Online-Medien vollzog sich nicht von „heute auf morgen“. Am Anfang stand meine Begegnung mit dem „Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW)“ der Universität Ulm. Hier wurde ich motiviert, mich mit den neuen Medien gezielt zu befassen, mit PC und Internet professionell umzugehen.
Die Medienwelt hatte sich verändert, erforderte neue Kenntnisse und Fertigkeiten. Den Umgang mit PC und Internet hatte ich bis dahin als fast unüberwindbare Hürde angesehen, aber meine Verweigerung hätte Einschränkung, vielleicht sogar Stillstand bedeutet. Wissenserwerb und Wissensvermittlung sind inzwischen eng an die Nutzung der neuen Technologien gebunden. Lebenslang lernen, die neue Herausforderung für Menschen jeden Lebensalters, bedeutet heute auch lernen mit PC und Internet.

Die neuen Technologien
An der Universität Ulm – im Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) – begann ich mit etwas zaghaften Schritten in die Welt der neuen Technologien einzudringen. Bald entdeckte ich, welche Hilfe sie in vielen Bereichen des täglichen Lebens leisten und bei entsprechender Nutzung bringen können. Die Informationsvermittlung, beispielsweise durch Presse und Rundfunk, ist ohne Einbeziehung und Nutzung der neuen Techniken nicht mehr vorstellbar.

ViLE
Im Dezember 2002 gründeten wir – eine Gruppe Gleichgesinnter, die sich an der Universität Ulm zusammengefunden hatte – ViLE, das „Virtuelle und reale Lern- und Kompetenz-Netzwerk für ältere Erwachsene e.V.“  mit dem Ziel, älteren Menschen eine Plattform zu bieten, um das Internet zur Weiterbildung, beispielsweise für ein nachberufliches Engagement, und zum Erfahrungsaustausch nutzen zu können. In schneller Folge wurden Kurse zur Einführung in die Techniken der interaktiven Nutzung des Internets  angeboten und von uns mit großem Interesse und intensiv genutzt. Projekte wurden initiiert, die  auf unterschiedliche Interessen der TeilnehmerInnen  ausgerichtet waren. Bald war ich mittendrin im „Lebenslangen Lernprozess“.

Die Projektidee
Im Juli 2003 startete das ZAWiW der Universität Ulm  das Modellprojekt „Senior-Online-Redaktion“. Die Idee des Projekts war, durch fachbezogene Schulung und Qualifizierung interessierten und engagierten älteren Menschen ein neues nachberufliches Lern- und Tätigkeitsfeld zu eröffnen. Das Modell der „ehrenamtlichen Online-Redaktion“ sollte in beispielhafter Weise aufzeigen, wie ältere Menschen einen kreativ-gestaltenden Umgang mit den neuen Kommunikationstechniken erlernen und zur aktiven Partizipation an gesellschaftlichen Dialogen nutzen können.

Das ZAWiW gab zu diesem Zeitpunkt bereits das LernCafe, ein Online-Journal zur Weiterbildung für ältere Menschen heraus und verfügte daher bereits über entsprechende praktische Erfahrungen. Mit dem Modellprojekt zur Qualifikation älterer Menschen zu  Senior-Online-RedakteurInnen wurde das Prinzip „von Senioren für       Senioren“ aufgegriffen.

Die Qualifizierung
In speziellen Ausbildungsrunden wurde uns das notwendige Wissen für die Online-Redaktionsarbeit – ausschliesslich auf virtuellem Wege – vermittelt. Auf diese Weise konnten die künftigen Senior-Online-RedakteurInnen, die in verschiedenen Teilen Deutschlands  zu Hause waren, an den Ausbildungsseminaren teilnehmen. Sie alle hatten das Ziel, einst als qualifizierte Senior-Online-RedakteurInnen an der Gestaltung des LernCafes - und zwar von der Konzeption bis zur Herausgabe -  mitzuarbeiten.

Der Start
Die Halbzeit der Ausbildung war noch nicht verstrichen, als die künftigen Senior-Online- RedakteurInnen an den Start gingen. Im Juni 2004 sollte unser erstes Online-Journal erscheinen. Themenfindung und -bearbeitung lagen verantwortlich in den Händen der sechs neuen Online-Redakteure. Da wir an unterschiedlichen Orten wohnten, erfolgten alle notwendigen Schritte, wie Aufgabenverteilung, Absprachen, Rückfragen und auch die Redaktionskonferenzen über das Netz. Mit Hilfe von Mailinglisten, Forum und Chat wurden Recherche-Ergebnisse, Anregungen und Beurteilungen ausgetauscht, aber auch gegenseitige Hilfe und Unterstützung praktiziert.
Als das fertige Produkt rechtzeitig zum Erscheinungstag ins Netz gestellt werden konnte, war dies nicht nur das Ergebnis einer gelungenen Teamarbeit engagierter Senior-Online-RedakteurInnen, die  sich  erst durch ihre gemeinsame Aufgabe kennen gelernt hatten, sondern auch das einer kompetenten Leitung und Unterstützung.

Das LernCafe
„LernCafe“ ist der Titel des ersten deutschen Online-Journals für weiterbildungsinteressierte ältere Erwachsene. Es wurde vom ZAWiW der Universität Ulm entwickelt und erscheint bereits seit mehr als acht Jahren. Seit Juli 2005 wird das LernCafe von ViLE herausgegeben. Ein Redaktionsteam engagierter, ehrenamtlich tätiger Senior-Online-RedakteurInnen ist für Konzeption, Inhalt und Gestaltung der Ausgaben verantwortlich.
Jede Ausgabe hat einen Themenschwerpunkt, zu dem in der Regel eine Reihe aktueller Lernprojekte sowie Materialien und Hintergrundtexte vorgestellt werden. Anliegen des Online-Journals ist es, über Projekte, Gruppen und Möglichkeiten der allgemeinen Weiterbildung für ältere Menschen zu berichten. Dabei sollen insbesondere Formen selbstorganisierten Lernens sowie Produktivität und gesellschaftliche Teilhabe sowie aktive Mitwirkung im dritten Lebensalter aufgezeigt und beleuchtet werden.
Alle bisher erschienenen Ausgaben des LernCafe sind als CD-ROM lieferbar.
 
Motive
Was motiviert ältere Menschen, sich noch einmal „auf die Schulbank zu setzen“, um sich die erforderlichen Kenntnisse und Praktiken für einen beruflichen Neubeginn zu erarbeiten? Ist es die Lust auf Neues, auf etwas Anderes, vielleicht auf interessantere oder auch anspruchsvollere Aufgaben?
Senior-Online-RedakteurInnen, die nach erfolgreicher Qualifizierung nun – freiwillig und ehrenamtlich engagiert – das Online-Journal LernCafe mitgestalten, nennen unterschiedliche Motive, zum Beispiel:

Einen Jugendtraum erfüllen: Schriftsteller oder Journalist werden,
Freude am Lernen: „Ich lerne ständig hinzu“,
Lust zu schreiben,
Freude: Wissen und Erfahrung weitergeben,
Freizeit sinnvoll gestalten,
Für neue Aufgaben qualifizieren, eigene Kompetenzen nutzen.

Perspektiven
Meine eigenen Motive knüpfen an meine frühere berufliche Tätigkeit als Fachzeitschriften-Redakteurin an. Mehr als drei Jahrzehnte lang hatte ich mich der Informations- und Wissensvermittlung gewidmet. Das wollte ich im Ruhestand fortsetzen, wenn auch, bedingt durch die technische und gesellschaftliche Entwicklung, unter anderen Voraussetzungen und neuen Aspekten.
Als Senior-Online-Redakteurin kann ich Wissen und Erfahrung weitergeben. Vor allem aber kann ich informieren, anregen und, wenn möglich, auch motivieren. Hängt doch die  Position der älteren und alten Menschen in der Gesellschaft auch von ihrer Informations- und Weiterbildungsbereitschaft ab. Wer gesellschaftlich integriert und handlungsfähig bleiben will, muss „am Ball bleiben“, muss informiert sein.

Zukunftsbetrachtungen
Meine Zukunft, das ist weiterhin mein Leben im Alter, das ich so fortsetzen möchte, wie ich es begonnen und bisher gestaltet habe: aktiv, selbstbestimmt und kreativ. Ich möchte nicht nur mitleben, sondern auch weiterhin mitgestalten können, beispielsweise mitwirken, dass Vorurteile, wie sie im längst überholten Altersbild immer noch zum Ausdruck kommen, ausgeräumt werden. Falsche Vorstellungen vom Älterwerden und Alter schaden nicht nur dem Einzelnen – ob jung oder alt – sondern hemmen auch das eigene Tätigwerden sowie gesellschaftliche Initiativen und Entwicklungen.

Als Senior-Online-Redakteurin kann ich daran mitwirken, dass auch die nachfolgenden  Generationen erkennen und wissen, dass das Alter aktiv erlebt und auch kreativ gestaltet werden kann. Die neuen Medien werden mich auf dem Weg zu meinem Ziel, das ich mir erst im Seniorenalter gestellt habe, weiter begleiten.

Zurück