Ausflug ins Reich der Kunst-Avantgarde

Bericht zum Besuch der Sammlung Falckenberg - Hamburg-Harburg

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Der Besuch der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg am 6. August war für ViLE-Nord mit 18 Teilnehmern ein Ausflug ins Reich der Kunst-Avantgarde. Der kunstbesessene Unternehmer Harald Falckenberg zeigt hier in seinem Privatmuseum eine Sammlung moderner und modernster Kunst. Falckenberg hat für die Sammlung deine riesige Halle der ehemaligen Phönixwerke in Harburg erworben und nach einem Umbau auf einer Fläche von 6200 Quadratmeter das laut SPIEGEL „wohl großflächigste Privatmuseum der Welt“ eröffnet.

Es zu finden ist nicht einfach. Tor 2 steht an der Einfahrt des Backsteinbaus und erst wenn man genau hinsieht, erkennt man ein winziges Schild der Sammlung neben der Einfahrt. Doch kaum betritt man das Gebäude, ist man überwältigt von der Verwandlung des Fabrikgebäudes in ein Kunstmuseum von hoher architektonischer Qualität, gestaltet von dem Berliner Architekturbüro Roger Bundschuh/Bundschuh.

Die durch Säulen und Wandteile gestalteten ehemaligen Fabrikationsflächen sind durchweg in weiß gehalten – sogar die geländerlosen Treppen, was einigen unserer Teilnehmer im Seniorenalter Schwierigkeiten bereitete.

Zur Zeit ist eine Sonderausstellung des 1988 verstorbenen amerikanischen Künstlers Paul Thek zu sehen. Doch man gewinnt einen Eindruck von dem Ausmaß der Falckenberg-Sammlung schon bei der Besichtigung des großen Schaulagers im Keller. Auf beiden Seiten mit Kunstwerken behängte, auf Schienen laufende Tafeln kann man aus den Regalen herausziehen. Durch die Sammlung mit Basement, Erdgeschoss und drei Obergeschossen führte unsere Gruppe die Kunststudentin Janine Eggert.

Riesige Sammlung von Avantgardekunst

Es gäbe so wahnsinnig viel zu berichten, weil wir alle so eine Sammlung und Präsentation noch nicht gesehen hatten .Hier nur ein paar ausgewählte Beispiele:
Allein für die vielen Hundert Bilder, die im Kellergeschoß auf den riesige Tafeln montiert waren, hätte es schon eine ganzen Nachmittages bedurft, um alle zu betrachten.

Da waren sie alle vereint, die großen, bekannten und auch unbekannten Künstler aus den 60er, 70er und 80er Jahren. Die Tafeln sind alphabetisch geordnet und man findet Sigmar Polke, Gerhard Richter und Tom Wesselmann, um nur drei Bekannte Künstler zu nennen.

Im Erdgeschoß und 1. Obergeschoß befindet sich die aktuelle Ausstellung Paul Thek: Der amerikanische Aktions-Künstler, 1933 geboren und 1988 gestorben, stand auch für die „Hippikunst“. In den 70ern war er hochaktuell, wurde mit Andy Warhol auf eine Stufe gestellt und geriet dann allerdings in Vergessenheit. Erst verschiedene Reisen nach Europa und eine große Ausstellung in Rom in den 80ern machte ihn wieder bekannt.

Er lebte, wie Warhol, in einer Künstlergemeinschaft,“ artist in coop“, und dementsprechend waren die Werke, meistens Installationen - Gemeinschaftswerke . Ein Teil dieser Werke war in Originalfassung, der größere Teil nur in Fotodokumentationen vorhanden.

In dem Geschoß darüber waren riesige Fotodokumentationen von Santiago Serra ausgestellt. Der spanische Künstler, der bekannt ist für seine provokativen Werke und Aktionen, die manchmal auch über die Schmerzgrenze der Beteiligten hinausgehen, hat auch Menschen (die Geld dafür bekamen) fotografiert, wie sie sich in eine Ecke oder an eine Wand stellten und dabei schämten. Die Wirkung der sehr intimen Fotos war in der Vielfalt beeindruckend. Denn Schämen kann sich nur der einzelne. Die Vielzahl von sich Schämenden ergibt aber eine neue Qualität.

Und von Anna Oppermann, der großen Konzeptkünstlerin aus den 60er und 70er Jahren. gab es eine Rauminstallation, in der Problemlösungen von Künstlern thematisiert wurden. Mit Kollagen, Montagen, Zeichnungen, Fotos und Schriften. Eine Installation, die eng mit den Arbeiten von Paul Thek verwandt ist auch sie die individuelle Mythologie thematisierte.

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Drei Räume mit Jonathan Meese

Und dann der Kracher: Drei Räume von Jonathan Meese , dem enfant terribel der deutschen Kunstszene. Alles voll, der Boden die Wände, Möbel, Papierkörbe, Müll, Bilder, Zeichnungen, Chaos pur - scheinbar.

Man ertappt sich dabei mit der Fragestellung: Ist das Kunst? Aber erst wenn man diese Denkschiene verlässt und sich auf die Spurensuche macht, was der Künstler alles verarbeitet hat, wie er es arrangiert hat und wie er es letztlich präsentiert, wird die Bewertung eine andere sein. Die Ideenvielfalt, die Kreativität und der Überraschungsmoment ist enorm hoch. Und das, so Meese, muß reichen.

Der wichtigste von den drei Meese- Räumen ist sicher der „Vaterraum“. Hier hat der Sammler Falckenberg vorgegeben, Meese möge die Ordner mit Zeitungsartikeln, in denen der Vater Katastrophenmeldungen gesammelt hatte, und seine Büromöbel in eine Installation verwandeln.

Wie er das gemacht hat, ist schon sehenswert. Der kleine Raum, kaum 10 qm groß, war an den Wänden mit Zeitungsartikeln tapeziert und ebenfalls mit Büromöbeln vollgestellt.
Hier fanden sich scheinbar wahllos Bilder von Hitler, Strauß, Adenauer, de Gaulle, Kennedy, zum Teil beschriftet, zum Teil mit Kommentaren versehen. Die alle zu lesen reichte die Zeit nicht. Aber selbst hier war sein bisheriger Ansatz, deutsche Mythologie und „deutschen Wahn“ zu thematisieren, erkennbar.

Wer jemals Meese-Ausstellungen besucht hat, weiß um sein kindliches, verspieltes Gemüt, mit dem er Besucher, Kunstkenner und Museumsleute immer wieder hinters Licht führen will. Und immer mit Erfolg. So auch hier.

Wir waren uns ziemlich sicher, dass diese Installation demnächst in Peking, New York oder Venedig zu sehen sein wird. Preis: mindestens 1 Millionen Euro.

Die Kunsttour von ViLE-Nord beschloss ein gemeinsames Mittagessen in einem umgebauten Silo direkt am Harburger Hafen. Das passte zur Ausstellung.

Bericht und Kunstbeschreibungen: Horst und Axel
Fotos: Horst Westphal/privat

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