Museum und Synagoge als Nachbarn

Direkt neben dem Lübecker St. Annen-Museum steht die Synagoge der Stadt. Der amerikanische Konzeptkünstler Ken Aptekar hat diese Situation als Anlass für eine Ausstellung unter dem Titel „Nachbarn“ in der zum Museum gehörenden Kunsthalle genommen. ViLE-Mitglied Ursula führte die Gruppe ViLE-Lübeck am 8. April durch die eindrucksvolle Schau.

Aptekars Gesamtkunstwerk setzt sich auf ungewöhnliche Weise mit Motiven auseinander, die direkt den mittelalterlichen Altären des St. Annen-Museums entstammen.

Die Tatsache, dass das von christlicher Kunst geprägte Museum in einem ehemaligen Klosterkomplex von 1515 unmittelbar an das Grundstück der im 19.Jh. gebauten Synagoge grenzt, beide also unmittelbare Nachbarn sind, ist Aptekar für den Inhalt seiner Kunstaussage inspirierend.

Die in den Bildern auftauchenden Schriftbänder dokumentieren die Ereignisse der Lübecker Geschichte zur Zeit des Dritten Reiches, wie das der jüdischen Familie Carlebach. Auch das nachbarschaftliche Zusammenleben mit den unterschiedlichen Verhaltensweisen und Umgangsformen bis in unsere Gegenwart wird dargestellt.

Dazu hat Aptekar Bildteile der Altäre fotografiert, sie vergrößert und Glasscheiben vor die Bilder gesetzt, in die von ihm konzipierte Schriftbänder eingeätzt wurden. Gleichzeitig sollen sich die Betrachter in den Scheiben spiegeln und damit in die Kunstwerke einbezogen werden.


Bild, Schrift und Beschauer

Nicht nur einzelne von Aptekar angefertigte Gemälde und Zeichnungen werden gezeigt, sondern es läuft zugleich ein von dem Künstler in Santiago de Chile gedrehtes Video-Interview mit dem ehemaligen Lübecker Bürger Rodolfo Hofmann. Eine berührende Geschichte. Rodolfo Hofmann war der letzte Lübecker Jude, der seine Bar Mitzwa in der benachbarten Synagoge vor der Schließung durch die Nationalsozialisten feierte. Er ist heute 91 Jahre alt und lebt in Santiago.

Das Skandalbild von Max Liebermann von 1879 (Kunsthalle Hamburg) „Der zwölfjährige Jesus im Tempel" wird in diesen inhaltlichen Kontext einbezogen.

Die Ausstellung beschränkt sich in ihrer Bedeutung aber nicht allein auf die alte Hansestadt Lübeck und ihre Synagoge. Sie zeigt beispielhaft anhand des kleinen Lübecker St. Annen-Viertels, was möglich ist, wenn humanistische und humanitäre Maßstäbe nicht mehr gelten.

In einer Zeit zahlreicher Terroranschläge, riesiger Flüchtlingsströme und gewalttätiger politischer, wie auch gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ist die globale Aussage der Werke von KEN APTEKAR aktueller denn je.

Ursula (15. 04. 2016)

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