Kindheit in Afrika

Kindheit in Afrika – Schulbesuch für alle?

Trotz vielfältiger Einschulungskampagnen seit 1990 besuchen noch immer nicht alle Kinder in Afrika eine Schule. Besonders betroffen sind Mädchen. Woran liegt das? Frau Prof. Erdmute Alber von der Universität Bayreuth erläuterte weshalb der Staat und internationale Entwicklungshilfen dies allein nicht ändern können am Beispiel Benins.

Brauch von alters her

Schon vor der Kolonialzeit war es, besonders in Westafrika, üblich, dass Kinder, meist im Alter von drei Jahren, aus ihrer Ursprungsfamilie herausgenommen wurden und bei Verwandten aufwuchsen. Manchmal erfuhren sie erst als Erwachsene, dass diese sozialen Eltern nicht ihre leiblichen Eltern waren. So „gehörte“ ein Junge oft dem Onkel mütterlicherseits, oder ein Mädchen wurde einer jungen Frau mitgegeben, die heiratete. Die Verwandten kamen und fragten, ob sie ein Kind mitnehmen könnten. Jungen kamen eher zu Männern und Mädchen zu Frauen, um sie in die geschlechtsspezifische Arbeitswelt einzugewöhnen.

Kinder als Arbeitskräfte und zur Stärkung der verwandtschaftlichen Bande

Kinder waren und sind als Arbeitskräfte gefragt. Land gab es meist genug, und Reichtum hing von der Anzahl der Arbeitskräfte ab. Durch die soziale Elternschaft wurden die verwandtschaftlichen Beziehungen gestärkt, was, besonders in unsicheren Zeiten, von Vorteil war. Die Kinder wurden von den sozialen Eltern ernährt und betreut, mussten dafür aber ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Die Alten wurden sowohl von den leiblichen, als auch von den Pflegekindern unterstützt.

Bis heute ist das Prinzip der Kindspflegschaft in Afrika verbreitet, wenn auch in geringerem Ausmaß als früher. Man ist der Ansicht, dass es für Kinder besser ist, wenn sie nicht nur bei den leiblichen Eltern aufwachsen. Die soziale Bindung an mehrere Erzieher sei keine Benachteiligung. Verwandtschaft wird durch die Pflegschaft bestätigt oder neu herbeigeführt. Dies zum Beispiel, wenn Lehrer Kinder in ihrer Familie aufnehmen. Die leibliche Elternschaft und die Annnahme, dass Kinder ihren Eltern gehören, werden nicht so betont wie in unserer Kultur.

Zum Lernen in die Stadt

Heute gibt es mehr Kindspflegschaften in den Städten als auf dem Land, weil die schulische und berufliche Ausbildung dort eher möglich ist. Allerdings gibt es unter den leiblichen und sozialen Eltern auch Streit, wenn die Pflegekinder mehr im Haushalt arbeiten müssen als die eigenen Kinder der Pflegefamilie. Heute wird mehr auf die Kinderrechte geachtet und dies wird zwischen den Eltern ausgehandelt, auch wer z.B. Behandlungskosten im Krankheitsfall übernimmt.

Insgesamt haben etwa ein Drittel der Kinder in der Stadt immer bei Verwandten oder Fremden gelebt. In den Dörfern auf dem Land ist die soziale Kontrolle besser. Sexueller Missbrauch durch Lehrer und in den Pflegefamilien ist Thema in der Gesellschaft.

Noch viel zu tun

Besonders auf dem Land nimmt der Schulbesuch mit dem Alter der Kinder ab. Von 50 Kindern in der ersten Klasse, gehen nach 6 Jahren beispielsweise noch 7 Kinder zur Schule. Besonders die Mädchen werden als Arbeitskräfte in die Familien zurückgeholt. Für das rasante Bevölkerungswachstum werden zu wenig neue Schulen gebaut, Privatschulen können sich viele nicht leisten und an den staatlichen Schulen gibt es oft Streiks. So ist es kein Wunder, dass die Einschulungskampagnen oft keinen Erfolg zeitigen.

Erla Spatz-Zöllner nach einem Vortrag von Frau Prof. Dr. Erdmute Alber, Universität Bayreuth: „Verwandtschaft als Ressource-Fallstudien zur Kindheit, Erziehung und Bildung“ am 30.8.18 bei der Sommerakademie an der FU Berlin

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