Auf Barlachs Spuren in Güstrow

Die Lübecker Vile-Gruppe besuchte auf Barlachs Spuren am 21.06.2013 das Mecklenburgische Güstrow. Neben Ernst Barlach interessierte unsere Gruppe auch das Historische Wasserkraftwerk am Berge in Güstrow. Also trafen wir uns zu einer Führung durch den sehr engagierten jungen Mitarbeiter der Stadtwerke, Ralf Pächnatz.

Das kleine Wasserkraftwerk ist im Zusammenhang mit der EXPO 2000 wiederhergestellt worden und Teil der „alten Wasserkunst“ in Güstrow. Bereits 1287 wurde die alte Mühle an diesem Standort erwähnt. Wasser entnahm man aus dem Fluss Nebel, der auch heute noch das Wasserkraftwerk speist.
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Der Turbinenraum, Foto: Horst

Heute sieht man noch ein Stück der mittelalterlichen Rohrleitung aus Kiefernholz, mit der auch das Löschwasser in die Stadt geführt wurde.  Dahinter befindet sich der Turbinenraum, in dem eine der zwei Turbinen arbeitet (zwei Turbinen würden zu viel Wasser entnehmen) und z.B. im Jahr 2012 rund 70.000 kw Strom erzeugt hat. Der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist, erbringt aber keinen wirtschaftlichen Nutzen.

Nach diesem Abstecher zu den „erneuerbaren Energien“ wandten wir uns Ernst Barlach zu. Der Bildhauer, Graphiker und Schriftsteller lebte von 1910 bis zu seinem Tode 1938 in Güstrow und gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Moderne.

1870 geboren in Wedel bei Hamburg, verbrachte Barlach seine Kindheit im mecklenburgischen Schönberg und in Ratzeburg, wo er auch begraben ist. Er studierte an der Kunstgewerbeschule in Hamburg und an der Kunstakademie in Dresden. Während eines zweijährigen Aufenthalts in Dresden war Barlach hauptsächlich als Schriftsteller tätig. Ab 1897 begann er als freischaffender Künstler zu arbeiten und war auch zeitweise als Lehrer tätig.

Eine Russland-Reise im Jahr 1906 sollte die Gestaltungsweise seiner Skulpturen nachhaltig beeinflussen. Ab 1910 beteiligte sich Barlach mit seinen Werken regelmäßig an Ausstellungen. Von dieser Zeit an lebte er gemeinsam mit seinem 1906 unehelich geborenen Sohn und seiner Mutter in Güstrow, wo er am Inselsee sein Atelier und Wohnhaus erbauen ließ. Hier entstanden seine Hauptwerke.
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Die GertrudenKapelle, Foto: Horst

Marga Böhmer, die Frau des befreundeten Kunsthändlers Bernhard Böhmer, wurde 1927 Barlachs Lebensgefährtin und nach seinem Tod auch seine Nachlassverwalterin. Auf Marga Böhmers Initiative hin wurde im Jahre 1953 die Barlach-Gedenkstätte in der Güstrower Gertrudenkapelle errichtet. Sie war zu Beginn des 15. Jahrhunderts. als backsteinummantelte Fachwerkkirche errichtet und um 1930 wieder hergestellt worden. Hier befinden sich Skulpturen wie der „Lesende Klosterschüler“ und der „Wanderer im Wind“.

Von besonderer Bedeutung sind aber hier auch für uns Lübecker drei Skulpturen aus der „Gemeinschaft der Heiligen“ (Frau im Wind, Bettler und Singender Klosterschüler), die in den Jahren 1930-32 für die Lübecker Katharinenkirche entstanden. Der Lübecker Museumsdirektor Carl Georg Heise versteckte diese Kunstwerke in den Jahren zwischen 1936 und 1947 privat in Berlin und rettete sie so vor der Zerstörung als „entartete Kunst“. 1937 erteilten die Nazis Ernst Barlach Ausstellungsverbot.

Im Dom zu Güstrow ist die Bronze-Skulptur „Der Schwebende“ zu sehen. Die Figur soll die Gesichtszüge von Barlachs Künstlerkollegin Käthe Kollwitz tragen. Sie wurde im Jahr 1927 als Mahnmal für die Gefallenen des ersten Weltkriegs geschaffen. Das Original wurde 1937 als „entartete Kunst“ entfernt und später eingeschmolzen.

Ein von Freunden des Künstlers erstellter Nachguss befindet sich seit 1952 in der Kölner Antoniterkirche und diente als Vorlage für eine neue Gussform. Seit 1953 befindet sich ein Drittguss als Friedensmal wieder im Güstrower Dom.

Den dritten Teil unserer Spurensuche in Güstrow bildete das Atelierhaus am Inselsee, etwas außerhalb der Stadt gelegen. Dort gibt es eine Ausstellung zur Biographie Barlachs sowie eine umfangreiche Skulpturensammlung. Hier gab uns die kompetente und Barlach-begeisterte Museumspädagogin Christa Huß einen umfassenden Einblick in Barlachs Leben und Werk. Sehr lebendig erzählte sie z.B., wie einzelne Skulpturen unterschiedlich von Kindern und Erwachsenen gedeutet werden.

Im Atelierhaus

Besonders beeindrucken in dem hohen Atelierhaus die „Russische Bettlerin“ oder die aus geschichtetem Holz gefertigte Figur „Der Träumer“. Der „Fries der Lauschenden“ gilt als Barlachs Lieblingswerk und wurde von dem Hamburger Zigarettenfabrikanten Reemtsma finanziert.
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Russische Bettlerin


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Der Fries der Lauschenden, Foto: Margret

Barlach hat in seiner Kunst mittelalterliche und neuzeitliche Traditionen vereint. Direkt neben dem Atelierhaus wurde von der Ernst-Barlach-Stiftung das Ausstellungsforum und Graphik-Kabinett errichtet, in welchem wechselnde Ausstellungen Platz finden. Erst im Mai 2013 wurde in unmittelbarer Nähe ein Zweckgebäude für Museumspädagogik eingeweiht.

Die Mitglieder von Vile-Lübeck waren überrascht, welche kulturellen Schätze die relativ kleine Stadt Güstrow (derzeit 29.000 Einwohner) beherbergt und wie aktiv diese präsentiert werden.

Margret (30.06.2013)

 

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