Frankreichs Kulturpolitik

Nicolas Sarkozy hat mit seinem Amtsantritt eine neue Epoche der Politik und der PR eingeleitet. Doch ist der frische Wind auch in der Kulturpolitik angekommen?

Dass die Frage nach kulturpolitischen Konzepten in Frankreich eine ganz eigene Bedeutung hat, zeigt die traditionell enge Verbindung von Nation, Identität und Kultur. Diese begründete nicht nur die erste Außenkulturpolitik eines europäischen Staates überhaupt, sondern auch das Konzept der "exception culturelle" mit seiner Verbindung von Kultur und Zivilisation, das dem Anspruch der universellen Strahlkraft französischer Werte, Sprache und Lebensart zugrunde liegt.

Der zweite rote Faden französischer Kulturpolitik ist der in der Verfassung garantierte Zugang aller Bürgerinnen und Bürger zu Kunst und Kultur. Dekonzentration, Dezentralisierung und Demokratisierung des Kulturangebots haben hier ihren Ursprung.

Dezentralisierung, zentral gesteuert

Im Rahmen der bereits angesprochenen Dezentralisierungsgesetze von 1982 wurden zahlreiche örtliche Kulturzentren eingerichtet, die in die Trägerschaft der örtlichen Gebietskörperschaften übergingen, für welche die Fachaufsicht aber beim zentralstaatlichen Ministerium verblieb. Durch eine Reihe staatlicher Fonds (z.B. zum Ankauf von Kunstwerken) wurde dieses Programm zusätzlich unterstützt. Bemerkenswert ist dabei, dass der Prozess der Dezentralisierung der Kultur zentral gesteuert wurde; eine aus den örtlichen Bedürfnissen und dem Selbstverständnis der Städte heraus erwachsene kommunale Kulturpolitik ist darin nicht erkennbar, so dass. die Kulturförderung in Frankreich trotz aller Dezentralisierungsbemühungen nach wie vor vom Kulturministerium dominiert wird.

Starke Zentralregierung

Etwa 53 Prozent der öffentlichen Kulturausgaben stellt das Pariser Kulturministerium bereit, während auf die Kommunen etwa 38 Prozent entfallen. Der Rest von etwa 9 Prozent wird von den Départements und Regions zur Verfügung gestellt. Dies verdeutlicht die - im Unterschied zu Deutschland - überaus starke Stellung der Zentralregierung und die eher schwach ausgebildete der Instanzen der mittleren Ebene.

TV und Internet

Malraux gründete die "Maisons de la Culture", in Sarkozys Version heißen diese Vermittlungsinstanzen heute TV und Internet. Sarkozy betont die starke Rolle des Staates, fordert jedoch zugleich die Orientierung der Kultur an Markt und Publikum.

Drei Prioritäten hat Sarkozy seiner Kulturministerin in seinem „Marschbefehl“ vorgegeben: „kulturelle Demokratisierung“, die „Unterstützung des kulturellen Schaffens“ und den „Unterhalt des Erbes“, Denkmalpflege im weitesten Sinne. Die Bühnen, schrieb er Madame Albanel ins Pflichtenheft, „müssen Stücke zeigen, die den Erwartungen des Publikums entsprechen“. Von einem Zusammenhang zwischen der „Popularität“ einer Darbietung und ihrer Finanzierung ist die Rede. Ebenso von einem „Erfolgszwang“. Der gute Kulturminister, so die Formulierung des Präsidenten, sei nicht an der Erhöhung der Subventionen zu erkennen, sondern an seinen Resultaten.

Kunst soll populär sein

Alle bezuschussten Einrichtungen müssen Ihnen über die Popularität ihrer Aktivitäten Bericht erstatten und Ergebnisse vorweisen, welche die Verlängerung der Finanzierung entscheidend beeinflussen. „Die Mittel unnützer oder ineffizienter Aktivitäten werden weiterverteilt.“ Diese neue Quoten-Kulturpolitik zwingt der kreativen Schöpfung Wirtschaftlichkeits-Kriterien auf. Veranschaulicht wird dies durch das katastrophale Kulturbudget für 2008.

Neue Gesetzgebung gefordert

Demnächst wollen sich diverse Gewerkschaftsbunde aus Kunst, Musik, Theater und Tanz (Fédération du Spectacle CGT, SFA, SNAM und SYNPTAC), gemeinsam mit all denen, die der künstlerischen Schöpfung, den darstellenden Künsten und der kulturellen Vielfalt beruflich oder privat verbunden sind, gegen das Disengagement des Staates und für eine neue Gesetzgebung in Sachen Kultur mobilisieren.

Mäzenatentum wird steuerlich gefördert

Das Gesetz vom 4. Januar 2002 über die Museen führte steuerliche Bestimmungen ein, die das Mäzenatentum der Unternehmen entwickeln sollen. Der Aufbau von Stiftungen oder die Finanzierung von Prestigeaktionen gehören heute zur Öffentlichkeitsarbeit vieler Konzerne. Das Mäzenatentum wird zunehmend zu einem gemeinsamen Projekt der Unternehmen und der Mitwirkenden in der Kulturpolitik. kostspielige Rettungsaktionen für Kulturdenkmäler werden von französischen oder ausländischen Unternehmen übernommen oder teilweise finanziert: EDF beteiligte sich an der Restaurierung des Invalidendoms, Kodak an der Nachbildung der Höhle von Lascaux, und 1998 beteiligte sich der japanische Fernsehsender NTV an einem Renovierungsprogramm für den Mona-Lisa-Saal im Louvre.

Seit 1994 führt BNP-Paribas zusammen mit dem Kulturministerium ein Restaurationsprogramm von Kunstwerken regionaler Museen durch. Der Spiegelsaal im Schloss von Versailles wird von der Vinci-Gruppe im Rahmen der größten je in Frankreich vorgekommenen privaten Kulturförderung restauriert. Die Arbeiten belaufen sich auf 10 Millionen Euro und sind für den Zeitraum 2004 bis 2008 geplant und durchgeführt.
Ingrid

(Quellen: diplomatie.gouv.fr/de, bellaciao.org, Ifa: Der Mensch im Zentrum)

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