Das französische Gesundheitssystem

Frankreich hat ca. 59.196.600 Einwohner. Die Lebenserwartung liegt bei Männern bei 75,9 Jahren und bei Frauen bei 83,0 Jahren. Die Säuglingssterblichkeit (je 1000 Lebendgeborene) liegt bei 1,9. Auf einen Arzt kommen 302 Einwohner, auf einen Zahnarzt kommen 1464 Einwohner. 2000 betrugen die öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitswesen 9,5 Prozent des BIP.

Staatliche Krankenversicherung nach dem Solidaritätsprinzip

Die Krankenversicherung stellt eine Säule des französischen Systems der sozialen Sicherung dar (neben Altersvorsorge, Arbeitunfallversicherung und Familienbeihilfeversicherung). Somit erhält also jeder (mit Wohnsitz in Frankreich) unabhängig von Alter, Einkommen, Geschlecht und Gesundheitszustand Versicherungsschutz (Solidaritätsprinzip).

Ca. 80 Prozent aller Franzosen sind über die allgemeine Krankenversicherung die Régime général d`assurance maladie, versichert. Abgesichert werden finanzielle Risiken durch Krankheit, Mutterschaft, Invalidität und Tod. Das weiteren bietet die Versicherung finanziellen Schutz bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten.

Kassen für Berufsgruppen

Neben der allgemeinen Krankenversicherung gibt es spezielle Krankenkassen für

  • Freiberufler, Künstler und Gewerbetreibende (3,1 Prozent),
  • Landwirte (4,2 Prozent),
  • einzelne Berufsgruppen wie Seeleute, Kumpels oder Bahnarbeiter.

Weitere ca. 2 Prozent der Bevölkerung (Studenten und Personen, die nicht in den Zuständigkeitsbereich eines berufständischen Versicherungssystems fallen) sind über die universelle Krankenversicherung, Couverture maladie universelle (CMU) in der allgemeinen Krankenversicherung pflichtversichert. Diese CMU trat am 01.01.2000 in Kraft, um eine von einer Beschäftigung losgelösten Krankenversicherungspflicht einzuführen. Somit wurden noch die letzen ca. 150.000 – 200.000 Personen in die gesetzliche Versicherungspflicht einbezogen.

Selbstbeteiligung und Vorkasse

Bei sehr vielen Leistungen wird von der Kasse nur ein Teil der Kosten übernommen. Es werden ca. 75 Prozent der Arztkosten und ca. 70 Prozent der Arzneimittelkosten getragen. 100 Prozent werden bei Bedürftigen übernommen (z.B. Jahreseinkommen kleiner als 6.744.- Euro oder für Mütter während der definierten Mutterschaft oder bei chronisch Kranken).

Der Versicherte geht bei Inanspruchnahme von Leistungen z.T. in Vorkasse, also zahlt den Behandler und reicht dann die Rechnung bei der Kasse ein. Teilweise zahlt die Krankenkasse auch direkt den Teil der Kosten, den sie übernimmt.

Aufgaben des staatlichen Gesundheitssystems

Da es sich um ein staatliches Gesundheitssystem handelt, übernimmt der Staat auch die entsprechenden Aufgaben. Diese sind:

  • Kontrolle der Finanzierungsinstitutionen,
  • Ausbildung der Gesundheitsfachkräfte,
  • Festlegung der Ausübungsbedingungen für die Gesundheitsfachkräfte,
  • Kontrolle der Qualitätsstandards,
  • Liefert Informationen zu allgemeinen Themen der Gesundheit wie Prävention, Impfung oder Bekämpfung verschiedener Krankheiten und kümmert sich um die entsprechenden Belange,
  • Regulierung des Leistungsangebotes,
  • Aufsicht der regionalen Krankenhausagenturen; diese gibt es seit 1996 und sie sind zuständig für die regionale Gesundheitspolitik im Bereich der stationären Versorgung.

Des weiteren hat der Staat einige Fachstellen eingerichtet. Beispiele hiefür sind:

  • Institut für Gesundheitsmonitoring,
  • Französische Agentur für Sicherheit im Gesundheitswesen und Produktbereich,
  • Blutspende-Institut,
  • Agentur für Nahrungsmittelsicherheit.

Parlament bestimmt die Finanzierung

Das Parlament verabschiedet alljährlich den Jahreshaushalt für die Krankenversicherung. Die Gelder kommen über die Beiträge. Diese Beiträge zur Krankenversicherung errechen sich aus Sozialabgaben auf Lohn und Einkommen und zum anderen auf die Allgemeine Sozialsteuer (CSG).

Die Beiträge auf Lohn und Einkommen sind nicht wie in Deutschland zu gleiche Teilen auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer verteilt. Sie beziehen sich auch auf das gesamte Bruttogehalt, ohne Einkommensgrenze. Der Arbeitgeberanteil beträgt 12,8 Prozent, der Arbeitnehmeranteil 0,75 Prozent. Da dieser geringe Arbeitnehmeranteil nicht ausreichte, wurde 1991 die o.g. CSG eingeführt. Sie beträgt 7,5 Prozent errechnet von 95 Prozent des Bruttoeinkommens. Es werden für die CSG alle Einkommen, also auch Einkommen aus Kapital und Vermögen, mit einbezogen.

Gesundheitsystem in der Krise

Seit 1976 steckt das Gesundheitssystem in einer Krise und es wird ständig versucht, es zu reformieren. Insgesamt über 20 Reformpläne gab es seitdem. Sie bewirkten alle nicht das Gewünschte. Inhalte der Reformpläne waren:

  • Erhöhung der Beiträge bzw. Steuern,
  • Mehr Zuzahlungen bei Medikamenten,
  • Festlegung eines Krankenkassensatzes und Beschränkung der Kostenübernahme auf diesen Krankenkassensatz,
  • Erhöhter Selbstbehalt beim Krankenhaustagesatz.

1991 wurde der Allgemeine Sozialbeitrag (CSG) eingeführt.
1996 wurde eine Abgabe für die Tilgung der Sozialverschuldung (remboursement de la dette sociale) eingeführt (0,5 Prozent auf das Gesamteinkommen). Die Abgabe wurde für voraussichtlich 13 Jahre eingeführt mit dem Ziel, die hohe Verschuldung des staatlichen Gesundheitswesens zu tilgen. Unter Jospin wurde die Abgabe auf 18 Jahre verlängert. Derzeit wird über eine weitere Verlängerung diskutiert.

Prävention soll verbessert werden

Die Prävention spielte im französischen Gesundheitssystem eine eher untergeordnete Rolle. Dies soll sich in Zukunft etwas ändern. Die Förderung der öffentlichen Gesundheit und die Verringerung von falschen Verhaltensweisen ist das Ziel. So sind seit Januar 2003 z.B. die Tabakpreise stark (15 Prozent) erhöht worden.

Die Leistungen

Es werden Sach- und Geldleistungen erbracht. Des weiteren wird auch Versicherungsschutz für Arbeitsunfälle, Invalidität und Tod geboten. Der Versicherungsschutz erstreckt sich auf sämtliche Kosten für

  • · allgemeinmedizinische und fachmedizinische Versorgung,
  • Pflegeleistungen,
  • Prothesen,
  • Pharma-Produkte,
  • medizinische Hilfsmittel,
  • Analysen und Laboruntersuchungen,
  • Aufenthalt und Behandlungen in Pflegeeinrichtungen, Reha-Kliniken und chirurgischen Stationen,
  • z.T. Transportkosten,
  • Versorgung der medizinischen und pharmazeutischen Versorgung bei Mutterschaft; hier auch für Versorgung mit Hilfsmitteln und für den Krankenhausaufenthalt,
  • · medizinische Überwachung von Neugeborenen.

Für pflegebedürftige Personen werden bestimmte Pflegeleistungen, die aufgrund des Gesundheitszustandes erforderlich sind, übernommen. Es handelt sich hierbei um Sonderbeihilfen oder Leistungszulagen.
Geldleistungen gibt es im Falle einer Arbeitsunfähigkeit im Anschluss an einer Krankheit oder durch einen Unfall. Zudem erhalten Frauen Leistungen während des Mutterschaftsurlaubes.

Für Sachleistungen gibt es bestimmte festgelegt Gebührensätze Übernommen wird dieser Gebührensatz abzüglich einer Selbstbeteiligung. Diese Selbstbeteiligung ist unterschiedlich hoch. Für die Versorgung durch niedergelassene Ärzte und medizinisches Hilfspersonal beträgt sie 30 – 40 Prozent, für Medikamente 35 – 65 Prozent, für Analysen und/oder Laboruntersuchungen 40 Prozent, für Krankenhausbehandlungen 0 – 20 Prozent, für medizinische Hilfsmittel 35 Prozent. Für bestimmte Leistungen und für bestimmte Gruppen von Leistungsempfängern ist ein teilweise oder komplette Leistungsübernahme möglich.

Freie Arztwahl

Die Versicherten haben uneingeschränkten Zugang zu den Gesundheitsleistungen. Da die Kosten für Gesundheitsdienstleistungen nicht komplett von der Kasse getragen werden, haben viele Franzosen eine Zusatzversicherung abgeschlossen. Der Patient kann sich seinen Arzt frei wählen, auch den Facharzt. Es ist für die Konsultation eine Facharztes also keine Überweisung durch einen Hausarzt nötig. Der Patient zahlt den Arzt direkt. Es gibt zum Teil auch die Möglichkeit, dass der Patient nur den Selbstbehalt bezahlt.

Zusatzversicherung mit Gesetz

Ganz allgemein sind 87 Prozent der Bevölkerung zusatzversichert. Entweder über Gesellschaften auf Gegenseitigkeit, über Versicherungsgesellschaften oder durch Vorsorgewerke. Das Gros ist bei einer der 6.500 Gesellschaften auf Gegenseitigkeit versichert. Diese übernehmen insgesamt über 7 Prozent der gesamten Ausgaben des Gesundheitssektors.

1999 gab es das Gesetz von der Einführung der allgemeinen Zusatzversicherung – CMU (Couverture Maldie Universelle). Geschaffen wurde sie deshalb, weil 18 Prozent der Franzosen keine Zusatzversicherung hatten. Die Pflichtkrankenversicherung erstattet zwar 75,4 Prozent der gängigsten Ausgaben und 91,3 Prozent der Kosten bei Krankenhausaufenthalt. Es werden jedoch nur 64,2 Prozent bei ambulanter Versorgung und für medizinische Güter wie z.B. Medikamente nur 58,5 Prozent übernommen. Dies führte dazu, dass eine hohe Zahl von Menschen aus finanziellen Gründen heraus auf medizinische Versorgung verzichten mussten.

Zwei Jahre nach ihrer Einführung sind nun 4.650.000 Personen über die CMU zusatzversichert, 85 Prozent davon über die Sozialversicherungskasse Caisse de Sécurité Sociale und 14 Prozent über die traditionellen Zusatzversicherungsorganisationen. Die Verteilung kam dadurch zustande, dass eine große Anzahl von Menschen automatisch den Sozialversicherungskassen zugeordnet wurden. Es zeigt sich, dass die Ausgaben pro Versicherten über die Sozialversicherungskasse ca. 1.953 Euro sind und somit 30 Prozent über denjenigen der anderen Patienten liegen. Dieses Probleme ist noch nicht gelöst.

Maßnahmen zur Kostendämpfung

Auch in Frankreich steigen die Ausgaben im Gesundheitswesen zu stark an. Ein Grund ist die Zunehmende Alterung. Aufgrund dessen dürften z.B. die Kosten um ca. 1,5 Prozent des BIP ansteigen. Maßnahmen zur Senkung Defizits:

  • Eine äußerst strenge Preiskontrolle. Die Preise für Medikamente sind dadurch im europäischen Vergleich recht günstig,
  • · Verstärkt Maßnamen zur Prävention und Förderung der Gesundheit,
  • · Schaffung einer Agentur für das Gesundheitsweisen mit ausgedehnten Zuständigkeiten (weitere Verstaatlichung) ,
  • · Übertragung der Verwaltung der Krankenhäuser auf eine regionale Ebene,
  • · Weiterentwicklung der ambulanten Chirurgie, um die Kosten bei den stationären Behandlungen zu senken,
  • · Errichtung eines Netzes zur besseren Koordination verschiedener Anbieter von Gesundheitsleistungen,
  • · Tarifierung der pathologischen Untersuchungen für Krankenhäuser. ,

Apotheker dürfen ein von einem Arzt verschriebenes Medikament durch ein Generikum ersetzen.

(Autorin: Ingrid, Quellen: ESS-Europe.de, SZ 6.11.02)

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