Lost in translation … I was


Erlauben Sie mir, den Titel des schönen Filmes von S. Coppola: «Lost in translation - Zwischen den Welten» zu benutzen, um Ihnen meine Eindrücke vom Seminar in Bad Urach als die einer Französin widerzuspiegeln, die mit der modernen deutschen Sprache und dem Internetjargon fertig werden musste.

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Der betreffende Film spielt in Japan und der Titel “Lost in translation” weist darauf hin, wieviel bei der Übersetzung an Bedeutung verloren geht (vgl. Untertitel). Auf meinen persönlichen Fall bezogen, ergibt sich daraus Folgendes: Ich habe den Eindruck gewonnen, dass an mir im Vergleich zu den deutschen Teilnehmern, die sich, so nehme ich an, mehr als ich mit dem Gebiet Internetterminologie auskennen, ein Teil des technischen Inhalts vom Seminar vorbeigegangen ist. Trotzdem möchte ich erzählen, wie ich das alles erlebt habe.

Referentin

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Im Prinzip hätte mir die deutsche Sprache kein besonderes Problem darstellen sollen, und so war es auch bei den Vortragenden, die eine gute Stimme, sowie einen mäßigen Redefluss hatten und deutlich sprachen. Hier hat sich ein erstes Hindernis im Redefluss einiger Vortragender aufgetan. In Deutschland redet die junge Generation in der TGV-Geschwindigkeit, im Rap Tempo sozusagen, und dazu noch undeutlich. In Frankreich ist das noch schlimmer (die Wörter werden amputiert). Auch in den Filmen ist es häufig mit der schönen Diktion vorbei, sie ist sogar anscheinend verpönt und die Schauspieler sprechen auch noch leise. (Oder wird man mit dem Alter schwerhörig? - die Antwort braucht keiner zu wissen).

Seminarteilnehmer

Ein zweites Hindernis für mich war die Entwicklung der deutschen Sprache, die wenig zu tun hat mit der, die ich zum ersten Mal in den fünfziger Jahre zu hören bekommen habe, auch die ausgezeichneten Lehrer im Goethe-Institut, die mich Jahrzehnte lang betreut haben, spechen langsam und ar-ti-ku-lie-ren. Kein Wunder: sonst hätten sie keine Kunden mehr und Herr Goethe wäre soooo traurig darüber!

Das heutige Deutsch ist mit Anglizismen übersät, die mir manchmal ganz fremd sind, weil sie in Frankreich nicht gebraucht oder aber anders ausgesprochen werden.
Dazu einige Beispiele:
“Chat” wird in Frankreich “Tchatt”, in Deutschland “Tchätt” ausgeprochen.
I-Pad : “Ei-Pad” in Frankreich, Ei-Pett” in Deutschland.
“Application” wird in Frankreich mit “Appli” abgekürzt, und mit “Äpp” in Deutschland, usw, usw…

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Am zweiten Seminartag waren meine Ohren schon etwas “aufgetaut”, aber bis es soweit war, glaubt es mir, bitte, I was “Lost, lost, lost in translation”.
Dazu kamen alle Anglizismen, die mir zwar ein Begriff sind, aber ganz fremd klingen, weil sie in Frankreich übersetzt worden sind (nicht nur wegen der strengen “Académie française”, sondern weil wir Franzosen im Englischen nicht gut sind) Computer = Ordinateur (ich muß sagen, das Wort «Computer» habe ich bei diesem Seminar kein einziges Mal gehört, dafür “Rechner” oder noch “P.C”.)
Social Medien = Réseaux sociaux
Browser = Navigateur
Software = logiciel
Users = usagers
Links = lien
On line = en ligne
Homepage = page d’accueil
Lapetop = ordinateur portable
Scrollen = faire défiler
E-Book = livre électronique, liseuse
Wall (bei Twitter und Facbook) = Mur
Handy = portable/ mobile
Notebook war mir völlig unbekannt und ich weiß nicht, wie die Franzosen dieses Wunderding nennen.

Natürlich war ich jedesmal erleichtert, wenn ich “unsere”, d.h. die einzig richtigen Anglizismen hörte, dazu korrekt, (d.h. à la française!) ausgesprochen, wie: Facebook, Twitter, Mailingbox, E-Mail, (auch wenn bei uns der offizielle Name dafür “Courriel” heißt).

Referenten

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Darüber hinaus habe ich Wörter kennengelernt, die aus dem Internet-Planet kommen, und für mich chinesisch sind, wie etwa:
Moodle (ob es unserem “tutoriel”, abgekürzt “Tuto”, entspricht?),
Schwarmintelligenz,
Gatekeeper (den Namen will ich mir für den nächsten Hund merken),
Androïd,
followers,
hash tags,
flashmobs, usw..
A propos, Anglizismen: Was hörte ich bei einem (übrigens sehr interessanten) Vortrag? Die Neonazis hassen diese Ausdrücke noch mehr als ich, und möchten gern, daß man statt «T-shirt» «T-Hemd» sagt, oder «Sprechraum», statt »Chatroom» usw..
Sorry/Verzeihung “es tut mir leid”, dafür habe ich Verständnis, doch aus anderen Gründen.

Der “Blog”, den ich im Seminar geführt habe, entstand in Form eines traditionellen Schulhefts, das ich eifrig bekritzelt habe. Es zeugt von meiner Verwirrung: da liest man durcheinander geschriebene verlernte, nie gelernte, deutsche, englische, deutschenglische Wörter, Twitter-und Facebookwörter (phonetisch geschrieben): Das Ganze sieht aus wie eine verschlüsselte Meldung, die ich heute schon kaum noch entschlüsseln kann. Egal, dieses Tagebuch, wie man früher gesagt hat, ist mir eine nette Erinnerung an das Seminar.

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Nun genug mit den Übersetzungsübungen. Ich habe auch versucht, (und es war wieder eine Art Entschlüsselung, also Übersetzung) Verbindungen zwischen den Kommunikationswegen und -Orten der Vor-Internetzeit und denen von heute, der Zeit der “Social Medien” herzustellen. Ich stellte mir folgende Frage: Wo wurde früher gezwitschert/. getwittert/geplaudert, oder noch geklatscht?
Auf der Agora, auf dem Marktplatz, auf den Bänken im Stadtpark, im Heu, unter dem Lindenbaum, “am Brunnen vor dem Tor”, beim Boules-Spiel, im Waschhaus, vor der Kirche, in der Kneipe oder in der Küche, im Tante Emma Laden, vor der Schule, bei den Dorf- und Familienfesten und nicht zuletzt im Beichtstuhl? Heute auch, natürlich, obwohl der Psychiater den Beichtvater ersetzt hat und der Supermarkt den kleinen Laden an der Ecke. Aber wer plaudern will, kann es tun, im Mittelalter wie im XXI. Jahrhundert, hier oder dort, egal wo, eigentlich überall, oder ist das nicht so?

Seminarteilnehmer

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Eine andere Frage: Wo, an welchen Orten konnte man früher, kann man heute noch, im realen Leben, gleichgesinnte Menschen treffen, d.h. anders als bei Facebook (wo man “Freunde” hat, ich würde gern sagen “Beinahe Freunde”, um wieder einen Filmtitel zu zitieren?). Wohl in der Kirche, bei der Arbeit, auf dem Schulhof, im Cercle, im Club, in den zahlreichen Vereinen, in den politischen Parteien, in der Gewerkschaft, auf dem Sportplatz, in der Discothek, an der Uni, im Kino, im Konzert oder im Theater, eigentlich überall.

Als Kommunikationsorte sind all diese Plätze nicht zu ersetzen, doch sind die Socialmedien dabei, eine Parallelwelt, und infolgedessen eine Kluft zwischen den Generationen zu schaffen. (es sei denn, die Senioren passen sich an und lernen, wie man mit den Neuen Medien umgeht). Ich stelle aber fest, dass viele in meinem Senioren-Bekanntenkreis eine Allergie dagegen entwickeln und viele Großeltern darüber klagen, dass die Enkelkinder vor dem Bildschirm stundenlang twittern, aber mit ihnen kein einziges Wort mehr wechseln.

Seminarteilnehmer

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Kurz, mein kleiner heimlicher “Translationsworkshop” hat mich sehr beschäftigt, was eine Strapaze war, gleichzeitig jedoch auch eine Verjüngungskur für die grauen Zellen.

A propos Kur: Während ich mich mit der Terminologie plagte, während ich in den trüben Gewässern des Internetjargons schwamm, und dabei immer wieder Wasser schluckte, sogar in Gefahr geriet, zig mal zu ertrinken (wie lächerlich eine Todesanzeige, die so lauten würde, dachte ich, “In einem Seminar über Facebook und Twitter an Stress tragisch gestorben”), ja in derselben Zeit gab es unten in Bad Urach, Kurgäste, glückliche, sorgenfreie Kurgäste, die sich wahrscheinlich von dem lauwarmen Wasser des Thermalbads mit Genuss und ganz träge tragen ließen, während ich von einer Lawine von technischen Informationen überschüttet, von einem Tsunami von Tweets überflutet, praktisch im Sterben lag, da oben eingesperrt…
Hilfe, Hilfe, ihr meine neuen Facebook Freunde, bald werde ich durch einen einzigen Klick gelöscht!
Bitte, Bitte, sofort die Hotline rufen!

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Spaß beiseite: ich bedaure gar nichts. Das Seminar habe ich überlebt und nun gebe ich es gerne zu: Es war herrlich da oben im Haus auf der Alb. Die 50 Teilnehmer sind so nett gewesen, das Team der Vortragenden so begeistert und interessant (ich bin ihnen allen sehr dankbar), die Zimmer so bequem, die Landschaft so schön, und die Kuchen haben so lecker geschmeckt, dass ich die Kurgäste beinahe bemitleide.
Gott sei Dank, sie wissen nicht, die armen verkalkten Kurgäste, was sie verpasst haben und sie “plaudern”, sie “unterhalten sich” ahnungslos weiter wie früher statt zu twittern, sie schreiben in Frakturschrift Ansichtskarten, statt Tweets durch die Luft zu schicken, in der Art “Packungen aus frischem Majoran ist der Kracher”. Die armen Kerle, wenn sie nur von Bad Twitter und Bad Facebook wüssten … Nur 15 Minuten weit weg, da oben (“Wie im Himmel”)… sollten wir sie nicht aufklären, aus purer Nächstenliebe?

Ja, wenn ich ehrlich bin, fand ich den Ausflug in die Twitterwelt mit H. Spannagel sehr gelungen, sehr lebendig und sehr einprägsam vorgetragen. Ich habe gesehen, dass dieser “soziale Kitt” wirklich etwas bewegen kann.
Nicht jeder hat ja das Glück, ein ViLE-Seminar mitzumachen. Dieses Glück wurde mir zuteil. Dafür bin ich allen dankbar, Carmen als Erster, der ich einen langen, glücklichen Ruhestand wünsche, natürlich auch H. Tempel, der ja all dies ermöglicht hat (und uns das Ipad schmackhaft gemacht hat, die unzähligen Äpp, die tischte er uns ja auf wie Appetithäppchen, das Wasser lief uns dabei im Mund zusammen.”)

Seminarpause

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Nun will ich unverzüglich versuchen, alle Senioren des Dorfes, des Départements, der Region, ja von ganz Frankreich mit dem Virus “Social Medien” anzustecken. Jetzt geht’s los … Es wird interessant sein:
“Hallo, hört mir zu, liebe Seniorinnen und Senioren. Ich habe einen Scoop bereit für euch:
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Freunde - über'm Sternenzelt
muss Vater Facebook wohnen.“
Ja, wir sind alle Freunde, Freunde wie noch nie, hallo! Kommt doch!
Ihr kapiert alles sofort, es ist ganz einfach und macht Spaß, für die Schwarmintelligenz werdet ihr schwärmen, und ihr werdet lernen, lernen, e-learnen, wie noch nie auf Erden, die Methode bringe ich euch bei, es heisst ...
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen! ...
wie war das schon? Nudeln? Mädel? nein … Moment mal, so, ich hab’s: “Moodle”
Hallo, Freunde, es ist soweit! Moodle, Moodle!“
Was? Keiner mehr da? Keiner will twittern? Alle Vögel sind scho-on weg, alle Vögel alle!
Die Aktion: “Virus” ist gescheitert, wie Ikarus!
Sorry, really sorry…
Bad Luck mit Bad Urach!

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