Wie Ökonomen das Finanzsystem in Ordnung bringen wollen

Böcke und Gärtner

Wie einflussreiche Ökonomen sich die Stabilisierung des Finanzsystems vorstellen - eine Kritik

Arno Widmann

BERLIN. Vor fast 30 Jahren kam in die Kinos "Am Goldenen See", ein Film mit Henry Fonda und Katharine Hepburn, ein Film, der die bitteren Realitäten des Lebens eintauchte in das sanfte Abendlicht des Squam Lake in der Mitte des US-Bundesstaates New Hampshire. An eben diesem Ort trafen sich im Herbst 2008 fünfzehn der einflussreichsten Professoren für Finanzwirtschaft, darunter acht Präsidenten der American Finance Association, ein ehemaliger Federal Reserve Governor, ein ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und ehemalige Berater der Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush. Die finanzwissenschaftliche Elite der USA. Der aus Indien stammende Raghuram G. Rajan ist dabei, der 2005 bei einem Banker-Meeting vor einem Zusammenbruch warnte und dafür viel gescholten wurde. "Ich kam mir vor wie einer der frühen Christen, die den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurden", schrieb er.

Verbale Radikalität

Nun saß er mit einigen der Löwen eine Weile zusammen. Das Ergebnis ist ein Buch, das jetzt in den USA erschien: The Squam Lake Report - Fixing the Financial System, Princeton, University Press, 167 Seiten, 17,99 Euro. Die fünfzehn Weisen machen neun Vorschläge für Maßnahmen, die die US-Regierung ergreifen sollte, um das Finanzsystem in Ordnung zu bringen. Es sind darunter sehr spezifische Maßnahmen, aber auch umfassende, das System als Ganzes betreffende. Die Empfehlungen, davon muss man ausgehen, sind Kompromisse zwischen den Autoren. Sie stammen alle von allen. Sie sind also der kleinste gemeinsame Nenner. Desto überraschender ist die verbale Radikalität an der einen oder der anderen Stelle.

Die erste Empfehlung zum Beispiel geht aus von der Kritik an den bisher existierenden Regelungen der Finanzmärkte. Die kümmerten sich in fast allen Ländern ausschließlich darum, einzelne Institutionen vor dem Scheitern zu bewahren. Es gebe aber keine Aufsicht für die Finanzmärkte als Ganzes. Man liest das ein wenig amüsiert. Galt doch über Jahrzehnte eine solche Forderung als Ruf nach dem Sozialismus. Jetzt rufen die renommiertesten Management -und Finanzprofessoren der USA nach einem "systemic regulator" und sie wissen auch, wer das sein soll: die Zentralbanken eines jeden Staates. Die sollen - so eine der zentralen Forderungen der Autoren - Daten sammeln, analysieren und veröffentlichen. Sie sollen dabei auch eng zusammenarbeiten mit anderen staatlichen Stellen.

Man reibt sich die Augen. Hatten wir die Krise, weil keiner wusste, dass es sich zum Beispiel bei den Preisen auf dem US-Immobilienmarkt um eine Blase handelte? Fehlte es an Informationen? War es nicht vielmehr so, dass alle wesentlichen Daten bekannt waren, dass jeder wusste, dass die Entwicklung völlig außer Rand und Band geraten war? War es nicht - daran erinnern die Autoren an anderer Stelle selbst - nicht vielmehr so, dass alle die Finanzmärkte einschränkenden Regulatorien im Laufe der vergangenen Jahrzehnte offenen Auges abgeschafft worden waren, um der "Innovationskraft" der Branche keine Fesseln anzulegen? Hätte ein Amt in der Nationalbank diese Entwicklung verhindert?

Diese Fragen stellen die Autoren sich nicht. Sie sehen das Problem des fehlenden Regulators, also schaffen sie einen. Sie sind klug genug von einem systemischen Regulator zu sprechen. Aber dann bauen sie doch nicht ein regulierendes System, sondern sie setzen einen Regulator ein, der das System regeln soll. Das hat etwas Rührendes. Die US-Regierung wird sich den Bericht sehr genau ansehen und auch wir sollten es tun. Aber bei der ersten Lektüre fallen einige Dinge doch sehr auf. Es gibt keine Stelle, an der die Autoren ein wenig darüber nachdenken, dass die meisten von ihnen kräftig dabei geholfen haben, das Weltfinanzsystem in die Schieflage zu bringen, die zur Krise führte. Was macht diese Böcke glauben, sie könnten gute Gärtner sein? Man kann die Auffassung vertreten, dass, wer den Wagen in den Graben gefahren hat, auch den Weg hinaus kennt. Aber das setzt voraus, dass wir auf dem selben Weg wieder hinaus müssen. Das ist hier aber sicher verkehrt. Ein Zurück soll es ja gerade nicht geben.

Verklärter Blick

Auffallend ist auch, dass die Staatsverschuldung der USA - 13 Billionen Dollar - keine Rolle spielt bei diesen Überlegungen, das Finanzsystem des Landes in Ordnung zu bringen. Noch eigenartiger erscheint dem ausländischen Betrachter, dass die 15 Experten offenbar davon ausgehen, dass das Finanzsystem eine nationale Angelegenheit sei. Sie kommen bei ihren Analysen und bei ihren Besserungsvorschlägen ganz ohne den Rest der Welt aus. Unilateral nannte man diesen Ansatz in den Jahren der Bush-Regierung. Die USA sind damit gescheitert. Der Blick vom Goldenen See verklärt. Er erklärt nicht.

(aus Berliner Zeitung 19.06.2010)

 

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