Kurzfassung der Autoren

Dirk Solte und Wolfgang Eichhorn leiten die Analyse der Situation nach der weltweiten Finanz- und anschließender Wirtschaftskrise mit einem Überblick ein. Leicht verkürzt liest sich das so:

Das Weltfinanzsystem ist deshalb zu einem Kartenhaus ge­worden, weil es etwa von 1970 an den Schwerpunkt seiner Ar­beit immer mehr von realwirtschaftlich sinnvollen und not­wendigen Dienstleistungen auf Phantasiegebilde hin verlegt hat. Diese zum Teil höchst originell gestalteten Gebilde er­bringen immense,  ökonomisch durch nichts gerechtfertigte Gewinne aus kleinen Einsätzen - aber auch Totalverluste aus großen Einsätzen.

Ein Beispiel sind Finanzderivate. Solche Derivate sind meist ungesicherte Schuldscheine, bei denen die Höhe der Schuld aus sogenannten Basiswerten (etwa den Handelsprei­sen von Edelmetallen, Rohstoffen, Aktien, Anleihen, Börsen-­Indizes oder Devisen) abgeleitet wird. Geringfügige Änderun­gen der Bewertung bei den Basiswerten können exorbitante Änderungen der mit diesen Schuldscheinen »verbrieften« Schulden zur Folge haben.

Wenn das nur hin und wieder eini­gen wenigen „Spielern“ Millionengewinne oder Millionen­verluste brächte, könnte man darüber hinwegsehen. Dem ist aber nicht so: Allein das weltweite Volumen der Kreditderivate machte geschätzt im 2. Halbjahr 2005 mehr als das Achtzehnfache des Marktwertes aller an der New York Stock Exchange gehandelten Aktien aus.

Auch wenn sich dies nur auf das Volumen der damit verbundenen „Basiswerte“ bezieht, zeigt es doch, wie umfangreich die Phantasiegebilde geworden sind. Was für ein Kasino! Wem nützt es? Denjenigen, die gerade richtig gewettet haben! Ihnen stehen die gegenüber, die falsch gewettet haben, das heißt zukünftige Änderungen der Werte falsch eingeschätzt haben. Aber auch die vermeintlich Glücklichen können Pech haben, denn was ist, wenn der Schuldschein nicht zurückge­zahlt werden kann?

Das Weltfinanzsystem, das eigentlich im Weltwirtschaftssystem den Kreislauf besorgen sollte, damit er die Wirt­schaftsgüter, das heißt die lebenswichtigen und lebenswerten Waren und Dienstleistungen, erzeugen kann - dieses Weltfi­nanzsystem ist nicht stabil.

Es besteht die Ge­fahr, dass beim nächsten Infarkt des Kartenhauses Weltfinanzsystem auch das Haupthaus Weltwirtschaftssystem kollabiert.

Dann nämlich, wenn es der Gesell­schaft, das sind hier vor allem die steuerzahlenden Bürgerlin­nen, nicht mehr gelingt, den Gesellschaftern des Weltfinanzsystems - den systemrelevanten Instituten - ein weiteres Mal unter die Arme zu greifen, um deren wackelndes Kartenhaus vor dem Zusammenbruch zu retten. Dann steht wie gesagt auch die Realwirtschaft, vor dem Kollaps.

Ist eine solche Zukunft durch die Erkenntnisse aus dem Bei­nahe-Kollaps des Weltfinanzsystems im Herbst/Winter des Jahres 2008 nun unwahrscheinlich geworden? Keineswegs: Bald schon könnte die Gelegenheit verstrichen sein, das Re­gelwerk der Finanzmärkte umzuschreiben.

Private Banken schaffen längst Fakten. Die Deutsche Bank rühmt sich ihres riesigen Quartalgewinns. Die Händler anderer Häuser verdie­nen ebenfalls wieder Boni mit Währungsspekulationen, und wo der Staat die Boni ausgesetzt hat, steigen die Festgehälter. Hedgefonds weiten ihr Geschäft aus. Und viele Banken locken ihre Kunden mit neuen Renditeversprechen.

Es wird schon wieder gezockt im Kasino, und meist nach den alten Regeln.

Die Banken müssten gezwungen werden, viel mehr Ei­genkapital zurückzulegen, vor allem in Boomzeiten. Wenn sie zocken, dann nicht nur auf Kredit. Und wenn sie anderen einen Kredit zur Spekulation gewähren, dann dürften sie sich nicht auf das Rating zweifelhafter Agenturen berufen. Wir brauchen ein Gremium, das vor Überhitzungen auf den Fi­nanzmärkten warnt. Mit anderen Worten: Wir brauchen Maßnahmen gegen die immer schnellere Abfolge von Boom und Krise, mit der die Banker deutlich besser leben können als die Bürger, schrieb  Uwe Jean Heuser in der ZEIT. Den Spekulationen auf Kredit im Ringen um Besitz und Wertschöpfung muss ein Riegel vorgeschoben werden. Kre­dite - soweit sie für Wertschöpfung nötig sind - müssen aber möglich sein.

Um die richtige Therapie zu fin­den, kommt es darauf an, genügend genau zu diagnostizieren.

Man muss die tiefliegenden Gründe der Krise verstehen und daraus die richtigen Schlussfo­lgerungen für eine Therapie, für eine möglichst dauerhafte Gesundung ableiten. Man muss dafür die Grundbegriffe des Weltfinanzsystems begreifen. Man muss verstehen, was Geld ist, wie Geld entsteht und verschwindet. Nur dann kann man wirklich einschätzen, ob Aussagen der Art: „Der Staat nimmt Geld in die Hand, um die Wirtschaft zu stützen“ oder: „Eine Bank hat sich frisches Geld als Eigen­kapital besorgt“ überhaupt stimmen. Nimmt der Staat wirk­lich Geld in die Hand, oder passiert hier etwas anderes?

Das Buch besteht aus drei Teilen: Rückblick, Ana­lyse, Ausblick. Im Rückblick (Teil 1) wird das Auf und Ab der Güterwirtschaft und der Geld- und Fi­nanzsysteme von archaischen Zeiten bis heute skizziert. So ganz nebenher werden dabei Begriffe wie Geld, Geldmenge, Giralgeld, Schwellgeld, Zins, Währung, Zentralbank, Ge­schäftsbank, Inflation, Deflation, Wertpapier, aber auch Markt und Marktwirtschaft erklärt.

Das Hauptergebnis von Teil 1 ist die Erkenntnis, dass Krisen des Wirtschafts- und Fi­nanzsystems in einzelnen Ländern, aber auch in bestimmten Ländergruppen und weltweit im Lauf der Jahrhunderte nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren.

Der Analyse dieser Phänomene ist Teil 2 gewidmet. Auf eine Fülle von Fragen wird versucht, Antworten zu geben: Warum sind Finanzsysteme und Geldkreisläufe nicht stabil, sondern labil? Wie konnte es zur Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932/33 kommen, und was waren die Folgen? Kommt es bei einem Crash eines oder des Finanzsystems zur Vernichtung oder (nur) Umverteilung von Geld? Wieso kann man durch „Zaubertricks“ erhoffte Zu­kunftswerte schon jetzt nutzen? Wer sind die Gewinner und Verlierer von Finanzmarktkrisen?

Teil 3 gibt einen Ausblick. Er schildert nicht, wie die Zukunft der Weltwirtschaft und des Weltfinanzsystems aussehen wird. Niemand weiß das. Die Autoren sagen Fol­gendes: Wenn sich auch nach dem Beinahe-Kollaps des Welt­finanzsystems, den wir gerade hautnah miterlebt haben und dessen Nachbeben in der Realwirtschaft wir noch zu ertragen haben werden –

Wenn sich nichts Wesentliches ändert, dann läuft die Menschheit sehenden Auges in ihren Unter­gang.

(aus der Reihe FAWn – Denkanstöße, Beiträge für den öffentlichen Dialog)

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