"Rot und Schwarz"

von Stendhal
Buchtipp von Carmen Stadelhofer

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Es gibt mehrere Bücher aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die für mich bedeutsam (geworden) sind - ein Buch, das mich seit vielen Jahren begleitet und bei dessen Lektüre ich immer neue Entdeckungen gemacht habe, ist "Rot und Schwarz" von Stendhal. Beim ersten Lesen in meiner Jungmädchenzeit faszinierte mich dieses Buch als Liebesgeschichte zwischen Mme de Rènal und Julien Sorel.

In meiner Studienzeit interessierte mich die historisch-soziologisch- psychologische Dimension im Roman selbst, das Problem des gesellschaftlichen Aufstiegs Juliens im Frankreich der Restaurationsepoche und sein Scheitern. In einer Phase der Ablösung vom Elternhaus und Suche nach eigener Identität war für uns RomanistikstudentInnen das im Roman dargestellte Problem von gesellschaftlicher Anerkennung und Aufstieg als Produkt von Angepasstheit und Akzeptierung gesellschaftlicher Normierung ("eine Rolle spielen", "Heuchelei als Mittel", die Rolle des Geldes) und die Infragestellung des dadurch erzielten Erfolges ein durchaus aktuelles Thema.

Doch konnte uns - durch 1968 geprägt - Stendhals Idealkonzeption eines von gesellschaftlichen Zwängen befreiten, naturhaften Lebens, die Lösung in einer "amour vrai", nicht befriedigen. Wir diskutierten heftig, warum ein aufgeklärter Schriftsteller wie Stendhal seinen Helden am Schluß des Romans so enden lassen mußte, wie er es tat.

Einen neuen Zugang erhielt ich zu "Rot und Schwarz" durch die Auseinandersetzungen mit der feministischen Literaturwissenschaft. Mir wurde immer mehr bewusst, nach welchem traditionellen Muster der in seinen Ansichten über die Geschlechtererziehung recht fortschrittliche Stendhal seine "Frauenbilder" im Roman gestaltet. Auch die Gegenüberstellung von positiver und negativer weiblicher Geschlechterrolle ist beibehalten: Mme de Rènal, die sich für ihre Liebe aufopfernde "ideale" Frau, demgegenüber die adelige Mathilde, die wie fast alle selbständigen, "denkenden" Frauen in der klassischen (Männer-)Literatur (Gräfin Orsina, Lady Milford) als total "überspannt" gezeichnet wird.

Wegen der oben dargelegten Vielschichtigkeit des Romans bzw. mehrdeutigen Erschließungsmöglichkeiten ist dieses Buch für mich bedeutsam. Es bildet einen kommunikativen Rahmen, der durch die exemplarische Darstellung der dialektischen Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft nicht nur zu einer Reflexion der geschichtlichen Vergangenheit auffordert, sondern die Reflexion über die geschichtliche Entwicklung und den Bezug zur Gegenwart geradezu verlangt. Aus diesen Gründen freue ich mich auf neue Begegnungen mit diesem Klassiker.

Verlag: Artemis & Winkler Verlag
ISBN: 3-538-05192-5
Preis: Euro 44,90

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