"Sara tanzt"

von Erwin Koch
Buchtipp von Werner Toporski

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Ein Militärregime, dessen Geografie durch gestreute Wahl von Personen- und Städtenamen im Irgendwo gelassen wird. Saras Mann ist als Oppositioneller vor drei Jahren getötet worden, sie selbst führt Kurierdienste aus und wird schließlich gefasst. Monatelang allein mit sich, immer wieder unter Foltern verhört und die übrige Zeit mit verbundenen Augen auf ein Bett gefesselt, wächst in ihr eine Gegenwelt, in die sie sich flüchtet und aus der sie ihre Kraft bezieht. Sie soll berichten, weiß aber nichts, so nimmt sie die Namen ihrer Puppen und erfindet mit ihnen Treffen an realen Orten. Sie weiß, solange ihre Peiniger von ihr noch etwas erwarten, bleibt sie am Leben. Sie beginnt Kinderlieder vor sich hin zu summen, bekannte zuerst, dann selber ausgedachte, um sich gegen die Einsamkeit zu wappnen. Erfinden kann sie, lügen aber nicht, und so narrt sie ungewollt ihre Verhörer, die Aufrichtigkeit nicht kennen und ihr Geheimnisse unterstellen, wo keine sind. Verzweifelt versuchen sie aus den gesummten Noten Hinweise auf Namen oder konspirative Vorgänge zu entschlüsseln, bringen sie in Situationen, in denen sie sich verraten soll. Mit der Zeit beginnen sie, Sara als Schicksalsgenossin zu empfinden, sie macht Hausaufgaben für ihre Kinder, übersetzt ausländische Bedienungsanleitungen. Und so erleichtert Sara über diesen neu gewonnenen Status ist, weiß sie doch, wie rasch er zusammenbrechen kann, und schafft, wieder mit ihrem Summen, eine Barriere zwischen sich und jenen. Schafft letztlich eine Unberührbarkeit, die in krassem Gegensatz zu ihrer körperlichen Ausgeliefertsein steht. Schließlich überdauert sie das Regime, das in sich selbst zusammenbricht.

Die Erzählung scheint zunächst von einem neutralen Autor zu stammen, bis man allmählich merkt, dass man einer Darstellung des Musikers lauscht, der während der Verhöre im Nachbarraum Cello zu spielen hat um, elektronisch verstärkt, Saras Schreie zu übertönen. Sie jedoch zieht Kraft aus seiner Musik, sie "tanzt": beim Aufwischen des Fußbodens. Und so entsteht das Unglaubliche: Eine Liebe zwischen der geschundenen Frau und dem Mann, dessen Aufgabe nichts anderes ist, als ihre Pein unhörbar zu machen.

Spannend und berührend mit einer ganz auf das Innenleben konzentrierten Darstellung. Und wundervoll dicht geschrieben.

Verlag: Nagel & Kimche 2003
ISBN: 3-312-00325-3
Preis: Euro 17.90

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