"Magermilch und lange Strümpfe"

von Bernd-Lutz Lange
Buchtipp von Wolfgang Schleicher

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Die Karten sind schon Tage vorher ausverkauft. Bücher und CD sind nicht in ausreichender Anzahl vorhanden. Eine lange Menschenschlange bildet sich, um das Signum des Autors zu erlangen. Zuvor immer wieder Lachen, Beifall und Begeisterung im Saal.

Mit der Erinnerung an ein verstorbenes Frankenberger Lehrerehepaar - vielen im Saal bekannt - hatte der Autor sofort einen engen Kontakt zum Publikum hergestellt.
Die Zitate aus dem Buch brachten vielen Zuhörern die eigene Jugend und Kindheit zurück. Und der vielschichtige (sächsische) Humor, die Selbstironie und die zum Teil absurden Wendungen - nicht zu vergessen die bildhaften Darstellungen u.a. einer an der Wand reflektierten Welle forderten immer wieder das Lachen heraus. Auch über sich selbst.

Aber das schlimmste ... die langen Strümpfe mit dem gestrickten Leibchen... eine Schande für jeden Jungen!" Bernd-Lutz Lange erzählt von einer ärmlichen, dennoch unbeschwerten Kindheit nach dem Krieg in Zwickau. Brausepulver und Muggefugg, Wattfraß und Kartoffelkäfer, sind Bestandteil dieser Erinnerungen. Ebenso vergrabene Parteiabzeichen, blinde Begeisterung erst hier - dann dort, durchschaute Worthülsen, der Wert eines Brotes, und Erinnerungen an das eigene Leben nehmen die Zuhörer und Leser immer wieder mit.

Wattfraß will ich kurz erläutern. Junge Pioniere erhielten Straßen zugeteilt und schauten abends in die Fenster. Da brannten doch wahrlich 6 Glühbirnen in einer Lampe. Eifrig klingelte man, um den Verschwender doch zu bitten 3 der Glühbirnen herauszudrehen. Stromsparen für den Sozialismus. - Da setzte es eine Ohrfeige. Und jetzt brannten nicht nur die 6 Glühbirnen sondern auch die Wange des Jungen Pioniers. - Übrigens ertappe ich mich auch heute noch beim Herausdrehen von Glühbirnen im eigenen Wohnzimmer. - Naja.

Das Buch erschien erstmals 1999 (heute bereits in 10. Auflage) - 10 Jahre im Osten im Westen - da war nun klar: Werte kann man nicht kaufen. Und das aufgesetzte "schönen Tag noch" - das man allerorts geradezu hinterhergeprügelt bekommt - egal wie man sich fühlt - egal wie spät es ist. - das macht nun auch den Tag nicht gerade besonders schön.

Schönen Tag noch. - Vielleicht mit dem Buch von Bernd-Lutz Lange. - Dann wird`s schön.

Wolfgang Schleicher

P.S.: Bernd-Lutz Lange gehörte zur Gruppe um Kurt Masur in den Oktobertagen des Jahres 1989 und hat die damaligen Ereignisse aufgeschrieben. Zu empfehlen ist auch sein erstes Buch "Dämmerschoppen". ( - Humorvoll erzählt Bernd-Lutz Lange in diesem Buch u.a. von Begegnungen mit Jack Lemmon und Walter Matthau, aber auch von scheinbar ganz alltäglichen Begebenheiten. Dank seiner satirischen Begabung findet er immer wieder zu überraschenden Pointen. - ) Und natürlich jederzeit eine Veranstaltung mit ihm.

Verlag: Kiepenhauer Verlag
Erscheinungsdatum: 1999
ISBN: 3-378-00621-8
Preis: Euro 15,00

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