"Der Alchemist"

von Paulo Coelho
Buchtipp von Gerd Hohage

files/Vile Netzwerk/img/lernen/buchempfehlungen/alchimist-coelho.jpgIch lese viel und gern. Die literarische Bandbreite ist weit gespannt und reicht von Tucholsky bis Simmel, den ich gern zur Entspannung lese. Das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, ist "Der Alchimist" von Paulo Coelho.

Was ist so faszinierend an diesem Buch, von dem der Focus schrieb, es sei "ein Märchen mit orientalisch-südländischen Charme, einfach und bezwingend in der Sprache, ein Seelenbalsam in unsicheren Zeiten. Hoffnungsvoller könnte ein Buch nicht sein."

Das Buch handelt von dem andalusischen Hirten Santiago, der immer wieder von einem in Ägypten vergrabenen Schatz träumt. Nach einer gewissen Zeit der Überlegungen macht sich der junge Hirte auf, den Schatz zu suchen. Seine Reise führt ihn über Tanger, durch die Wüste und zu Oasen, bis er endlich Ägypten erreicht. Dabei trifft er immer wieder auf Menschen, die ihn ermutigen, sein Lebensziel nicht aufzugeben.

Zu diesem Personenkreis gehört auch ein alter König:

"Ich bin der König von Salem", hatte der Alte behauptet.
"Wieso unterhält sich ein König mit einem einfachen Hirten?" fragte der Jüngling beschämt und verwundert.
"Dafür gibt es mehrere Gründe. Aber der Hauptgrund liegt darin, dass du es geschafft hast, deinem persönlichen Lebensweg zu folgen."
Der Jüngling wusste nicht, was sein persönlicher Lebensweg war.
"Es ist das, was du schon immer gerne machen wolltest. Alle Menschen wissen zu Beginn ihrer Jugendzeit, welches ihre innere Bestimmung ist. In diesem Lebensabschnitt ist alles so einfach, und sie haben keine Angst, alles zu erträumen und sich zu wünschen, was sie in ihrem Leben gerne machen würden. Indessen, während die Zeit vergeht, versucht uns eine mysteriöse Kraft davon zu überzeugen, dass es unmöglich sei, den persönlichen Lebensweg zu verwirklichen."

Des weiteren ein Kristallwarenhändler und eben der weise Alchimist:

"Mein Herz fürchtet sich vor dem Leiden", sagte der Jüngling zu dem Alchimisten, eines Nachts, als sie den mondlosen Himmel betrachteten.
"Dann sag ihm, dass die Angst vorm Leiden schlimmer ist als das eigentliche Leid. Und dass noch kein Herz gelitten hat, als es sich aufmachte seine Träume zu erfüllen, denn jeder Augenblick des Suchens ist ein Augenblick der Begegnung mit Gott und mit der Ewigkeit."

Alle lehren ihn auf Zeichen zu achten, die aus dem Verborgenen kommen und nur mit allen Sinnen wahrgenommen werden können.
In der märchenhaften Umgebung einer riesigen Oase lernt Santiago seine große Liebe, die Wüstentochter Fatima kennen.

Der Jüngling näherte sich dem Mädchen. Sie lächelte wieder. Er lächelte zurück.
"Wie heißt du?" fragte er.
"Ich heiße Fatima", sagte sie und sah verlegen zu Boden.
"Das ist ein Name, der auch in dem Land, wo ich herkomme, von einigen Frauen getragen wird."
"Es ist der Name der Tochter des Propheten", sagte Fatima. "Unsere Krieger haben ihn dorthin gebracht."
.....
Dann füllte sie ihren Krug und ging fort....Der Jüngling aber blieb noch lange neben dem Brunnen sitzen und erkannte, dass es der Levante-Wind gewesen war, der ihm vor einiger Zeit den Duft dieser Frau zugetragen hatte, und dass er sie schon geliebt hatte, noch bevor er von ihrer Existenz wusste, und dass er dank seiner Liebe zu ihr alle Schätze dieser Welt zu finden vermochte.

Obwohl ihn die Liebe zu der schönen Wüstentochter in die Versuchung führt, für immer in der Oase zu bleiben, bricht er zusammen mit dem Alchimisten zum letzten Teil seiner Reise auf. Er folgt seiner Bestimmung, wenngleich auch voller Traurigkeit.

"Denke nicht an das, was wir zurücklassen", sagte der Alchimist, als sie durch den Wüstensand ritten. "Alles ist in der Weltenseele eingraviert und wird für immer dort bleiben."
"Die Menschen träumen mehr von der Rückkehr als von der Abreise"; meinte der Jüngling, der sich schon wieder an die Stille der Wüste gewöhnte.
"Wenn das, was du gefunden hast, echt ist, dann wird es nie vergehen. Und du kannst eines Tages zurückkehren. Wenn es jedoch nur ein Lichtmoment war, wie eine Explosion eines Sternes, dann findest du beim Wiederkommen nichts mehr vor. Aber du hast eine Lichtexplosion erlebt, und das allein hat sich bereits gelohnt."

Ich finde es schade, dass ich nicht früher auf dieses Buch gestoßen bin, weil das Resümee dieses Buches - "der Schatz deines Lebens liegt nur in dir selbst und direkt vor deiner Tür"- wohl jedem bekannt ist. Das faszinierende an dem Buch Coelhos ist, das er uns allen bekannte Lebensweisheiten in leicht verständlicher Sprache dem Leser näher bringt, ohne in philosophisches Sprachgewirr zu verfallen. Die Geschichte ist spannend und ergreifend zugleich. Während ich das Buch laß, kam es häufig dazu, daß ich Situationen aus meinem Leben mit den Ereignissen im Buch verglich und mir eingestehen mußte, dass ich Ähnliches auch schon erlebt hatte und mich fragte: "Warum habe ich mich nicht auch so verhalten?"

Auf die immerwährende Frage nach dem Sinn des Lebens versucht Coelho eine Antwort zu geben, die er natürlich nicht geben kann. Trotzdem - in der heutigen so verstandesmäßig eingestellten Zeit tut es gut darauf hingewiesen zu werden, mehr auf sein Innerstes zu hören und festzustellen, was das Herz sagt.

Paulo Coelho, geboren 1947, lebt in seiner Vaterstadt Rio de Janeiro. Eine Auswahl weiterer Bücher von ihm:
Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte.
Auf dem Jakobsweg.
Veronika beschließt zu sterben.
Handbuch des Kriegers des Lichts.

Zur Vertiefung und um mehr über Leben und Gedanken von Paulo Coelho sollte man das Buch:
"Bekenntnisse eines Suchenden". Juan Arias im Gespräch mit Paulo Coelho, lesen.

Verlag: Diogenes Buch - 173 Seiten
ISBN: 3-257-06126-9
Preis: Euro 17.20

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