"Frau Paula Trousseau"

von Christoph Hein
Buchtipp von Ursula Fritzle

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Ob es eine reale Geschichte ist, erfährt der Leser nicht. Das Buch beginnt mit einer Widmung an Paula T. und mit ihrem Selbstmord im Jahr 2000 in Frankreich. Aber diesen Anfang habe ich beim weiteren Lesen völlig verdrängt, denn man wird so ins Geschehen und auch in Rückblicke verwickelt, dass man am Ende nicht mehr so genau weiß, wie es begonnen hat. Ich hatte den Eindruck, Christoph Hein will den Selbstmord im Verlauf des Buches im Nachhinein etwas konstruiert begründen mit Tablettenvorrat und Selbstverletzung. Am Anfang weiß der Leser auch nicht, wer Sebastian ist, der Paulas Bilder erbt und nichts mit ihnen anfangen kann, ihn vergisst man im Lauf der Geschichte ebenso wie den Selbstmord. War er ein Freund oder ein Liebhaber? Ich konnte ihn nicht mehr finden in dem 536 Seiten starken Roman.

Manchmal dachte ich verwundert, dass ein Mann so schreiben kann über Frauen, aber dann wieder hat er mich auch zum gegenteiligen Empfinden gebracht. Interessant, wie stolz Paula trotz schwerer Kindheit in jungen Jahren ist und wie eher angepasst sie später denkt? Mir gefiel nicht, dass die Geschichte immer wieder unterbrochen wird mit Einschüben über Paulas Kindheit. Die Familienverhältnisse sind quälend, Eltern und Geschwister, jeder auf seine Weise gestört. Schwer zu ertragen sind der autoritäre und gewalttätige Vater - ein Schulrektor - und die alkolholkranke Mutter, die einen Suizid versucht.

Erstaunlich auch die Männer in Paulas Leben. Hans, ihr erster Mann, ist ein gut situierter Macho, der heimlich die Pille gegen Placebos austauscht, damit Paula schwanger wird und nicht studieren kann. Paula empfindet das als Vergewaltigung. Es scheint ganz einfach, als allein stehende Mutter und Kunststudentin in Ost-Berlin ein Kind aufzuziehen. Die Tagebuchaufzeichnungen schildern Paulas Einstellung zur Kunst, zu Männern und Frauen, ihre Sicht der Welt. Die DDR-Problematik taucht sehr abgeschwächt auf. Es wirkt so, als stelle die DDR für sie nur selten eine Grenze dar. Der Kunstprofessor, mit dem sie jahrelang zusammenlebt, hat nur ein einziges Mal Probleme mit der Partei.

Die Schilderung von Paula als liebender Mutter ist vielschichtig, sie liebt ihr zweites Kind abgöttisch, aber seitenlang wird auch beschrieben, dass sie zu ihren Kindern keinen Zugang findet. Das erste Kind, eine Tochter, wurde bei einer frühen Scheidung dem Vater zugesprochen, sie verlor das Sorgerecht, durfte das Kind kaum sehen, ist aber letztendlich auch froh, sich ihrem Studium widmen zu können. An ein Klischee erinnert mich das Verhalten Paulas beim zweiten Kind. Sie bricht mit dem Vater, damit er nichts von ihrer Schwangerschaft erfährt. So glaubt sie zu verhindern, dass ihr noch einmal ein Kind weggenommen wird.

ISBN: 978-3-518-41878-9
Preis: Euro 22.80 geb.
TB erscheint 09/2008

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