Die die Donau wollte.

Südwestpresse Ulm 24.06.2015

Wo sie in den vergangenen Wochen überall war? Carmen Stadelhofer überlegt kurz, dann zählt sie auf: Bulgarien, Rumänien, Kroatien, Sardinien - wo sie sich mit ihrem Mann im gemeinsamen Häuschen erholt -, Alicante, und, ach ja, Serbien.

Dementsprechend ist es eine zu meisternde Herausforderung, einen Gesprächstermin mit der 67-Jährigen zu vereinbaren - immer damit beschäftigt, Netze und Freundschaften entlang der Donau zu stricken, ist sie dafür jetzt gleich zweimal ausgezeichnet worden: Carmen Stadelhofers Projekt "Die gewollte Donau" bekommt den europäischen Bürgerpreis der EU und die Europa-Lilie.

Der Bürgerpreis wird verliehen für herausragendes Engagement für die Förderung eines besseren Verständnisses und einer stärkeren Integration zwischen den Bürgern der Mitgliedstaaten, die Europa-Lilie gibt es für das grenzüberschreitende Zeichen für Völkerverständigung. "Ich freue mich richtig über die Preise, aber am meisten freue ich mich darüber, dass ich sie mit so vielen teilen kann", sagt die frühere Geschäftsführerin des Zentrums für allgemeine wissenschaftliche Weiterbildung der Uni Ulm, die auch nach mehr als zwei Jahren Ruhestand immer noch durch zahlreiche Projekte wirbelt und ihres Engagements noch lange nicht müde ist: "Ich empfinde das nicht als Arbeit."

Von manchen Ulmern als "Strickliesel-Projekt" abgetan, ging es ihr mit der "Gewollten Donau" um ein Zeichen der Freundschaft. Dass das funktioniert hat, wird spätestens in den Räumen des Instituts für virtuelles und reales Lernen in der Erwachsenenbildung im 9. Stock des Justizhochhauses klar. Dort, wo sich zu fußballgroßen Knäueln gewickeltes Freundschaftsband und hunderte Wollquadrate stapeln: 6000 Menschen aus acht Donauländern haben mitgemacht und rund 1500 Kilometer Luftmaschen aneinandergehäkelt. Legte man alle Bänder aneinander, sie wären mehr als halb so lang wie der Fluss, der sie miteinander verbindet. Genau das war es, was Stadelhofer erreichen wollte: Die Menschen entlang der Donau einander näher bringen. Lange hat sie überlegt, wie das funktionieren könnte. Sprache und Ethnie sollten nicht im Weg stehen, es sollte nicht reines Geben sein, sondern ein Projekt auf Augenhöhe. Inspiriert haben sie schließlich die Martenizi, bulgarische Freundschaftsbänder, die man sich zum 1. März schenkt. Ihre Idee: Wolle hat jeder irgendwo rumfliegen, und Luftmaschen häkeln können auch Kinder und Ältere - und Stadelhofer selbst, die zwar nicht strickt, aber "etliche Kilometer selbst gehäkelt" hat. Das Ergebnis wurde 2014 zum Donaufest als Flussteppich auf dem Münsterplatz präsentiert.

Die Projektkoordinatorin war selbst davon überrascht, welche Zugkraft das Projekt entwickelte, nachdem sie es innerhalb der Danube Networkers angeschubst hatte. Nicht nur international, auch vor Ort in Ulm und Neu-Ulm, wo neben Organisationen plötzlich auch Einzelpersonen auf sie zukamen und fragten, ob sie mitmachen dürften. Stadelhofer hat jede Menge Geschichten parat. Die von der Bäuerin aus Dornstadt, die eine ganze Schubkarre voll Wolle anbrachte. Die von den Nachbarinnen eines Böfinger Hochhauses, die nie miteinander gesprochen hatten, durch das Projekt aber einmal in der Woche zum Handarbeiten zusammenkamen und sich so nach Jahren kennengelernt haben. Die von der Seniorin, die nochmal "an einem großen Ganzen" mitwirken wollte. Und die von der Ladenbesitzerin aus Magdeburg, die ihr Wollgeschäft auflöste und den Bestand spendete.

Akademikerinnen, Migrantinnen, Frauen mit Behinderung, alle kamen zusammen - und maßen sich bald mit den Südosteuropäerinnen, die höchst raffiniertes Strickzeug einschickten. Im November 2014 fing die Arbeit an, seitdem wurde für jedes Stück der Transport organisiert, alles katalogisiert. Es war Carmen Stadelhofers erstes Projekt dieser Größenordnung. Ohne die Ulmer Bürgerstiftung und die Baden-Württemberg-Stiftung wäre das Projekt schon an der Anschubfinanzierung gescheitert, ohne die vielen Ehrenamtlichen nicht gegangen. Sie sind es auch, die die vielen Einzelteile immer noch für den Verkauf weiterverarbeiten. 15 000 Euro sind so schon zusammengekommen. Mit dem Geld werden unter anderem Bildungsprojekte in Ungarn unterstützt.

Inzwischen ist Carmen Stadelhofer schon wieder unterwegs, Rumänien steht auf dem Reiseplan, dann Kroatien. Und dann muss sie bald das nächste Projekt anleiern, dass sie sich ausgedacht hat: Um Brot soll es gehen, um Kräuter und um Wein. Den mögen die Menschen in allen Donauländern schließlich gleich gern.

CHRISTINE LIEBHARDT | 24.06.2015

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